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Steirereck im Stadtpark - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 12. Jänner 2014
Experte
dieBrotvernichter
67
17
18
4Speisen
5Ambiente
5Service

Brotsomelier und Brotwagen im Konvoi mit Käsewagen und Käsesomiliere - für uns eine unwiderstehliche Kombination! In diesem perfekten Ambiente so angenehm fürsorglich bewirtet zu werden, sodass wirklich gute Gespräche mit den Lieblingsnachbarn möglich sind - das ist für uns natürlich eine glatte Höchstnote. Bis hierhin. Aber bei den Lobeshymnen an die Küchenleistung können wir nur leise mitsummen...

Wir wissen es herrscht Umbaustimmung im Stadtpark, aber es wird uns versichert, dass sich das im Restaurant nicht bemerkbar macht – und das stimmt. Wir durchwanderten eine stilvolle gekonnt beleuchtete Absperrung, die sich rundum das Haupthaus zog auf einem roten Teppich. Als Gast fühlt man sich jetzt schon sehr besonders und so kommen wir auch im Restaurantraum an. Begleitet von sympathischem Servicepersonal werden wir zu unserem Tisch gebracht.

Rote großzügig bepolsterte samtbezogene Armlehn-Fauteuils stehen rund um unseren Tisch. Nicht nur wir machen’s uns gemütlich – das gesamte Ambiente strotzt vor Gemütlichkeit. Indirekte warme Beleuchtung, die großen geschwungenen Erkerfenster des alten Hauses, die Raumteilung durch kleine Wandbögen, die mit großen kunstvollen Vasen geziert sind und der Plafond, der über und über mit floralen Formen bestückt ist und damit Stuck ganz neu interpretieren – all das gibt dem Raum eine wohnliche Wohlfühlatmosphere.

Als Aperitif (auch von einem fahrbaren Untersatz aus) bietet man uns einen Sekt vom Bründlmayer an. Unspektakulär gut. Dazu gibt es lange hauchdünne Cracker mit Rauchsalz. Auch ok. Dazu ein süßes Amuse Bouche aus der Küche: kleine Stücke von der Dörrbirne mit Kletzenbrotbrösel ummantelt, die an zimtigen filigranen Stielen hängen. Schmeckt einfach winterlich gut. Wir entscheiden uns für das Menü des Hauses in 6-Gängen und gegen die Getränkebegleitung. Verzichten auch auf die Beratung des Weinsomeliers – ABER nur weil wir unsere eigenen Experten des Vertrauens am Tisch sitzen haben. Wir bekommen eine Flasche weiß (Riesling Smaragd) und eine rote (Cuvee aus Zweigelt und Cabernet). Trotzdem ist der Herr Weinsomelier aufmerksam auch für uns da und schließt sich höflich kurz einem unserer Tischgespräche an.

Nach der Weinentscheidung kommen hauchdünne getrocknete Kräuterseitlinge an den Tisch – zwei Blättchenscheiben vom Pilz umschließen ein g’schmackiges Blatterl vom Thymian. Ein Hauch von Geschmack – dazu noch ein Stückerl von einem Kohlstrunk – genau das Richtige für vegane Roh(schon)köstler. Dann sagt die Küche noch Hallo: Püree von der roten Rübe mit Salat und Vinaigrette – wirklich rund und fein im Geschmack.

Und da kommt er dann endlich, der fahrbare Holztrog mit Kiloweise Brot. Das nennen wir Sortenvielfalt! Wir suchen sehr großzügig aus und versuchen uns durch die ansprechendsten Teigvarianten zu kosten. Aber unsere Tischfavoriten waren das banal intensive Tiroler Speckbrot, das samtige Maroni-Ciabatta und das fruchtige Marillen-Haselnussbrot. DER Vorführwagen unter den Brotmobilen! Die Scheiben von der salzigen Riesenlaugenbrezel waren aber auch ganz ok. Zwei Brotfuhren konnten wir zu den Vorspeisen verbuchen – und der sympathische Herr Brotsomelier (mit lockerem Schmäh) hat unser Potenzial für ein Mehr an Kohlehydraten erkannt und für uns beide immer gleich doppelt aufgeschnitten.

Dazu eine quadratische Platte mit Butter – einmal in Zeilen (Heumilchrohbutter) und darauf noch ein kleines Nockerl (Süßrahmbutter mit Zwetschkensalz). Zwischen den Zeilen konnte man ein paar winzige Flankerl einer eingesalzenen Zitrone rauslesen. Von der Zwetschke konnte man nichts sehen und schmecken, die Zitrone war optisch und am Gaumen anwesend – aber beide Buttersorten haben wir schon einmal wesentlich aromatischer gegessen. Die salzige Zitrone(nschale) ist wie Zitronat nur fast das Gegenteil von süß, nämlich: bitter fruchtig salzig - ist eine eigenwillige Buttereinlage – passt aber irgendwie. Und zurzeit (dank Jamie Oliver) in den Küchen in Mode.

Keine Frage – gekocht, zubereitet und angerichtet wird hier mit ungewöhnlich maximal hohem Einsatz, Aufwand, extremer Detailliebe und einem Faible für antiquierte heimische Gemüsesorten. Das Resultat ist: viel hübsch Kompliziertes am Teller – das eine schriftliche Beschreibung benötigt, die einem die Komplexität zerpflückt und begreifbar macht. Zu jedem Teller wird ein Kärtchen am Tisch platziert, auf dem erklärt wird, was sich da jetzt eigentlich so Besonderes am Teller befindet. Weil schmecken kann man die lange Liste an Komponenten dann doch nicht ganz. Aber das ist ja wie bei einer guten Rindssuppe mit Fleischstrudel – würde man da die Zutatenliste an den Tisch serviert bekommen – würde man sich auch wundern, was da so alles verkocht wird. Wichtig ist – der Gesamteindruck im Mund. Der war bei den meisten Gerichten des Menüs eigentlich ja ganz gut. Besonders überrascht hat uns die vegetarische Kombination von Puntarelle, Süßkartoffel und Sanddorn sowie die Schwarzwurzel, die nach Kokos schmeckt und dazu Powidl – beides erstaunlich stimmig, herzhaft und exotisch.

Die rohe Bergforelle mit Gurke und Melone geschmacklich ziemlich unauffällig. Die Bröserl vom gerösteten Zwiebelsalz dazu waren aber wirklich eine Bereicherung. Jede Sorte Fleisch, die wir am Teller hatten war unglaublich zart. Als hätte man die Stücke vorher vakuumiert gedünstet und dann noch im eigenen Fett confiert. So auch das Rehkitz mit wildem Brokkoli und schwarzer Nuss. Von der schwarzen Nuss hätten wir mehr Geschmack und von den Trompeteneierschwammerl mehr Präsenz erwartet – aber leider kaum wahrnehmbar. Dafür war der bittere Wildbrokkoli sehr dominant. Schade.

Besonders gut hat uns die gebratene Äsche geschmeckt. Die spielt geschmacklich auch die Hauptrolle, weil bei den Beilagen (Abate Fetel Birne Scheiben und Pastinakencreme) war der Name auch Programm – eher unauffällig. Dafür bleibt uns die gedörrte Duwicker Karotte in wirklich bitterer Erinnerung. Als ob man in das Ende einer überlagerten gummiartigen Karotte beißen würde, die sich viel Saft im Inneren aufgespart hat, der Chicoree mit Mandarinensud macht das Ganze nicht besser. Nur die kleinen Schleienstücke waren ein Lichtblick für unseren Gaumen. Besonders schön war aber, dass Frau Reitbauer persönlich uns immer mit Marinaden, Saucen und Vinaigrettes aus den kleinen feinen Schüsseln versorgt hat – hat aber den Geschmack nicht maßgeblich beeinflusst.

Was ganz Spezielles war beim Fasan (wie schon beschrieben: extremst zart) mit dabei – ein Soufflee (deutlicher Eigeschmack) von fermentierten schwarzen Bohnen. Ein rauchig würzig knackiger Salat von asiatischen Sprossensorten kombiniert mit der reifen Süße von Quitten. Das ganze Gericht bitte noch einmal und zwar in einer Portion zum Sattessen! Perfekt.

Der Geschmack des Wildhasen (der unter einer Creme oder einem Pürree von Kerbelwurzel versteckt war) besserte sich zwar von der rechten hin zur linken Tellerseite. Aber rechtsseitig hatte das Fleisch tatsächlich einen penetrant tranigen Beigeschmack. Da die Teller aber auch nicht groß sind – war der eh schnell wieder verflogen und ab da war’s dann auch essbar. Im Gegensatz dazu: die Wildente – einfach nur top! Der orangelastige Rote Rüben Couscous war für Zitrusfrüchteliebhaber eine angenehme Begleitung, für die anderen hat’s der Schoderleer Zwiebelmantel drumherum und der kleine knackige Knollenziest mit interessanter Gewürzgarnitur wieder gut gemacht.

Drei Käse hoch für uns als Dessert – zweimal vom Käsemobil mit charmanter Someliere-Begleitung. Die junge Dame hat uns wirklich bestückt. Wir wollen alles von Schaf, Ziege und Kuh. Ein gewagt würziger Teller – mit von der Partie Epoisses (kennen und mögen wir gern) und was außergewöhnlich neues: Weichkäse mit Algen und Apfelschnaps verfeinert. Wow – ein neuer Favorit. Der milde Teller war spannend gewagt gestaltet mit viel Gereiftem von Schaf und Ziege. Die Kuhvariante war mit Rotweinrinde. Alles wirklich sehr genießbar. Nur leider hat ein Chutney oder Ähnliches gefehlt – es waren nur ein paar Weintrauben von mittlerer Qualität am Teller und ein paar glänzend geröstete Kürbiskerne. Die dritte Runde Brot machte aber alles wieder gut. Vor allem das Marillen-Haselnussbrot war die perfekte Basis für die gesamte Käsevariation.

Auch den süßen Frischkäse mit Vanille, der bipolaren Physalis und dem Getreideeis durften wir verkosten. Erstaunlich gut! Der Frischkäse schmeckte gar nicht nach Käse und auch die Konsistenz glich eher einem sehr feinen seidigen saftigen Pudding. Als oberste Schicht ganz viel schwarze Vanillepünktchen. Die getrockneten Physalis: schön knusprig und säuerlich. Das Kompott davon saftig und bittersüß. Die Nocke Getreideeis: herb aber süß. Ein tolles Dessert. Käse einmal ganz anders und extravagant serviert: im Molkereisieb und am Tisch mit einer Käseharfe aufgeschnitten. Beeindruckend! Erstaunliche Desservariante auch der Freiherr unter den Berlepsch Äpfeln in Kombination mit Pilzkraut, Latschen und knusprigen Amaranth-Hippen. Unglaublich aber gut.

Das Servicepersonal ist schlicht geschmackvoll gekleidet. Auch hier wird die Liebe zum Detail spürbar. Man hat den Eindruck, dass die Personen in den schlichten Kleidern mit Stil, mit hohem Anspruch ausgewählt wurden. Sehr sympathische Gesichter, mit angenehmer Körpersprache und Stimme. Ruhig und keine Hektik. Durch die vorherrschende Mobilität des Aperitifs, des Käses und des Brotangebots – herrscht ein fließendes Treiben in dem großen Speisezimmer mit Wohnzimmeratmosphäre.
Unser Resüme: Für eine Höchstnote bei den Speisen muss auch das Angebot an Gerichten unserem Geschmack gerecht werden. Komplexität überfordert einfach.

ABER: ganz viel hohe Kochkunst vom Team und vom Chef persönlich, maximaler Wohlfühlfaktor durch ein Ambiente mit stilvoller Handschrift und umsorgendes Service zu einem wirklich angemessenen Preis. All das verleitet zum Wiederkommen – bald.

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Kommentare (11)

am 12. Februar 2014 um 10:50

Wenn ich heute um 50 € eine Speise konsumiere und sehr zufrieden bin, am nächsten Tag die absolut idente Speise woanders um 100 € bekomme dann hat vermutlich der Koch genau in dieses Lokal gewechselt und verdient jetzt mehr.

Nicht immer alles so fürchterlich ernst nehmen.

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17
1
am 11. Februar 2014 um 22:28

Besser! (Auch schwer genug.)

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Experte
48
22
am 11. Februar 2014 um 10:42

cmling, du hast recht, ident ist immer schwierig - nicht nur im Steirereck. Mit "vergleichbar" liegen wir besser oder?

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Experte
67
17
am 11. Februar 2014 um 09:34

Wobei natürlich die Wahrscheinlichkeit, eine Steirereck-identische Speise woanders zu bekommen, sehr gering ist!

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48
22
am 11. Februar 2014 um 08:50

stautz: Wenn ich heute um 50 € eine Speise konsumiere und sehr zufrieden bin, am nächsten Tag die absolut idente Speise woanders um 100 € bekomme dann ist es eben nicht mehr in Ordnung! Wir gehen sehr oft in Lokale Essen und für uns ist das Preis-Leistungsverhältnis sehr wichtig - bei einer Bewertung überhaupt!

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67
17
am 10. Februar 2014 um 23:44

Vielen Dank für Deine detailreiche Schilderung. Einigen Personen dieser Plattform sind Preisangaben sehr wichtig. ;)
Scherz beiseite: Meiner mehrfachen Erfahrung nach sollte man hier der Weinbegleitung vertrauen, weil die sehr gut auf den jew. Gang abgestimmt ist. Mit einem smaragdenen Riesling erschlägt man so manch zartes Aroma.

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17
1
am 13. Jänner 2014 um 12:16

Eine schöne glatte 4 sind die Gerichte in der Sternenküchenliga wert. Absolute Empfehlung fürs "Selbstüberzeugen" von uns. Dort zu essen, war ein Vergnügen.

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Experte
67
17
am 13. Jänner 2014 um 11:48

Danke für den Bericht! Es klingt so, als hätten die Speisen 4,5 verdient, und da hätte ich wahrscheinlich aufgerundet, aber ich respektiere die 4 natürlich. (Bin auch mit 5 sehr vorsichtig!)

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48
22
am 13. Jänner 2014 um 05:23

"Was gut schmeckt gehört zusammen." Amen.

War gar nicht belehrend, oder besserwisserisch gemeint. Kapitän Kork kam mir da nur nebenbei in den Sinn. Ich kann seinen Ansatz auch nachvollziehen, allerdings finde ich es auch nicht sinnvoll, kategorisch schwere Rotweine zu reifem (Weich)Käse auszuschließen!
Wobei der Epoisses natürlich ein Hund ist, da fiele mir noch am Ehesten Hochprozentiges ein.

Bitte melden, wenn ihr eure perfekte Begleitung gefunden habt!

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Experte
30
13
am 12. Jänner 2014 um 23:36

Speziell zum Käse hätte wohl ein anderer besser gepasst - aber das war nicht unser erster und letzter Epoisses und wir werden weiter experimentieren. Von der Weißwein-Weisheit sind wir aber auch nicht ganz überzeugt. Was gut schmeckt gehört zusammen.

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Experte
67
17
am 12. Jänner 2014 um 22:16

Sehr schöner Bericht!

Und zum Epoisses gab's Zweigelt/Cabernet Sauvignon?
Link ;)

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30
13
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