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Restaurant Wladimir - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 1. Juni 2013
Update am 16. November 2013
Experte
amarone1977
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75
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4Speisen
3Ambiente
4Service
8 Fotos1 Check-In

amarone1977 meets – hm – amarona1978.
Bürgerspitalgasse, 6. Bezirk.

Allein schon der Anrufbeantworter des Restaurants Wladimir ist hörenswert, es lohnt sich schon deshalb, einen Tisch zu reservieren, auch wenn das an jenem „falschen Freitag“ vor Fronleichnam gar nicht erst nötig gewesen wäre.

Da treffen sich also zwei, die wirklich gerne essen – und auch mal gerne was ausprobieren, was so absolut gar nicht bekannt ist.
Trotzdem kommt man – mit einer gewissen Ansammlung an Vorurteilen in das Lokal - man malt sich eben aus, wie denn etwa rote Rüben, eben nicht gerade mein Liebkind, hier schmecken könnten.

Nach unserem Besuch ist wieder einmal klar: jede Küche hat ihre ganz großen Stärken, die klarmachen, warum wir mit bestimmten Zutaten nicht so umgehen können, wie es eben andere – mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit - tun.

Zuerst möchte ich einer der „Kurzbewertungen“ widersprechen. Das Lokal ist weder grindig noch dunkel. Keine Ahnung, wie man darauf kommt.
Zwar mit Fliesenboden, aber keineswegs kalt.
Helle Möbel, gemütliche, individuell geschmückte „Sitzecken“, geschickt miteinander verbaut und doch mit der nötigen Privacy. Große Bilder an der Wand, Birkenholz, Babuschkas hier, Holzverbau dort.
Trotzdem: kein übertriebener Einsatz von landesüblichen „Devotionalien“.

Das einzige, was das Ambiente wirklich ein wenig trübt, ist die sonderbare Musikauswahl: ich tippe mal auf den Discomix von Krone-Hit.
Das passt wie die Faust aufs Ohr.

Die Chefin des Hauses ist eine wunderbar unaufgeregte Persönlichkeit, die es offenbar gewöhnt ist, dass die Gäste sich bei bestimmten Gerichten noch nicht „drübertrauen“.

Wir beginnen mit dem Thema Wein. Hier gibt es praktisch Neuland kennen zu lernen. Georgischer Wein klingt vielleicht für viele so exotisch wie marokkanisches Bier.

Doch Vorsicht, man darf ja eines nicht vergessen: Ausgrabungen bezeugen, dass 6000 Jahre alte Weintraubenkerne im heutigen Persien gefunden wurden, der Weg des Weinstockes nach Mitteleuropa führte wohl unter anderem auch über den Kaukasus.

Und wenn man den neuesten Schrei unter Winzern diskutiert: extra importierte, georgische Ton-Amphoren, in der Erde vergraben, sind das neue Liebkind der Winzer - anstelle von Barrique und Großfass.
Weine, in der Erde „vergraben“, den Mondphasen folgend gereift…
Die Georgier machen das schon seit Jahrhunderten so – und schmunzeln wohl über unsere „Neuentdeckungen“.

Unsere Unentschiedenheit bei Tisch entspricht dem mangelnden Wissen über Traubensorten und Machart. Bitte keine Fragen über die Sortennamen. Hießen sie Welschwili oder Blaufrankiewitsch? Ich weiß es nicht mehr, der Weißwein war auf alle Fälle ein angenehmer Start, wirkte fast ein wenig harzig.
Die Roten drifteten allesamt rasch ins extrem Konzentrierte, Süßliche und mehr oder weniger Oxidative.
Die Chefin des Hauses brachte kurzerhand alle Flaschen zu Tisch, um die Wahl zu erleichtern.

Die Speisekarte begrüßt uns - unübersehbar - mit dem Motto von Ivan Rebroff:

„Wodka macht aus allen Menschen Russen!“

Man könnte aber auch sagen, spätestens der Alkohol macht alle Menschen gleich - obwohl: Rebroff musste es ja wissen, schließlich war er ja eigentlich kein gebürtiger Russe, sondern Deutscher.

Zum Essen also: der größere Esser wagt sich über eines der Abendmenüs (nicht ganz 30 Euro, sehr fair), während die charmante Dame gegenüber Suppe und Hauptspeise probiert, inklusive gegenseitigem Vom-Teller-stibitzen.

Zuerst mal bitte ich, anstelle der Vorspeise von Menü 1 jene von Menü 2 zu bekommen. Matjes-Filet und gekochtes Ei, Zwiebel und rote Rüben. Das stellte mich auf eine kulinarisch zu große Probe, und so gibt es eine wunderbar präsentierte – ich nenne sie hier – zarte Geflügelsulz ("Holodec"), garniert mit frischem Kren und Porree. Nicht übertrieben gewürzt, um nicht zu sagen zu neutral.

Doch Frau Chefin lässt es sich nicht nehmen – sie muss mir die verschmähte Vorspeise von Menü 1 kosten lassen: Matjesfilet „Unter den Mantel“.
Wie Recht sie doch hatte. Ein „Tortenstück“ kommt daher – zartes, mildes Fischfilet, die Kombination aus gekochtem Ei(weiß), Gemüse und roten Rüben harmoniert perfekt. Buttrig, schön ausbalanciert – und die roten Rüben passen wunderbar zusammen.
Der Mief von Teufelsrollern? Keine Spur. Saure Rüben mit Schock-Aroma? Mitnichten. In Russland lacht man uns wahrscheinlich aus für das, was wir alles so essen.

Borschtsch. Klingt wie ein wilder Tanz aus dem Ural. Ist aber eine perfekte Einheit aus roten Rüben, Rindfleisch, Kraut, Tomaten, und so manch anderem Gemüse. Garniert mit Sauerrahm.
Sorry für das Foto, hier wurde schon ein wenig umgerührt.
Anmerkung: die hier servierte Variante der unendlich vielen Borschtsch-Sorten ist eine eher flüssige, nicht „eintopfige“. Wärmt auf alle Fälle angesichts der Novembertemperaturen im Mariahilfer Grätzel.

Noch eine Vorspeise: Blinis – eine Art angebratene Palatschinke mit magerem Faschierten drin. Recht brav, die zum Gedeck servierte Knoblauchbutter darf ein wenig Abhilfe schaffen.

Die Hauptspeise ist wiederum für beide dieselbe: Teigtaschen mit Steinpilzen, Zwiebel und Kartoffeln ("Vareniki"), wieder mit einem Tupfen Sauerrahm serviert. Sehr gut, wenn auch blind verkostet niemand wirklich auf Russland tippen würde, hier ist zumindest eine gewisse Verwandtschaft zu einheimischer Teigtaschenkultur erkennbar.

Die Nachspeise legt wieder einen Zahn zu in puncto Üppigkeit: eine „Hausgemachte Torte mit Röstmandel und Schlagobers“. Zarte Teigschichten, Creme auf Butterbasis (keine Margarine, das schmeckt man). Erinnert an die gute alte slawische Cremeschnittentradition.

Fazit: trotz aller Fülle und scheinbarer Schwere der Gerichte bin ich nicht vollgefressen. Beide Esser verlassen zufrieden das Lokal. Zutaten wie Matjesfilet, Ei oder rote Rüben kommen hier so zur Geltung, wie ich sie hierzulande durch die heimische Küche eher verschmähen würde.
Es lohnt sich also absolut, hier vorbeizuschauen und eine etwas andere Sicht auf Speisen zu bekommen, denen man das wirklich Delikate gar nicht zutrauen würde.
Zu Unrecht – wie wir jetzt wissen.

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Kommentare (6)

am 2. Juni 2013 um 20:46

Otternase: jetzt übertreib mal nicht! Aber wenn, dann tummeln sich hier eh schon einige Sörs und Sörinnen! ;-)
Mahlzeit!

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am 2. Juni 2013 um 20:05

Großartige Review - danke!
Wie meistens: mit viel Wortwitz und trotzdem informativ und sachlich, nie mit untergriffen Bemerkungen oder gar beleidigend ...
amarone1977 ... dir müsste man die Auszeichnung "ReTe-Sir" verleihen, so es sie gäbe ;-)

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44
am 2. Juni 2013 um 19:34

seb: danke! Das Kotelett "Kiew" wohl auch ;-)

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am 2. Juni 2013 um 19:29

Es war mir ein Vergnügen! :)

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am 2. Juni 2013 um 19:26

Vareniki sind übrigens ukrainisch, nicht russisch.

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21
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am 2. Juni 2013 um 19:17

Vielen Dank für diesen aktuellen sehr guten Bericht aus dem Wladimir. So kann man einen Eindruck gewinnen, aber nicht wie dieses Geschreibsel weiter unten.

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Restaurant Wladimir
Bürgerspitalgasse 22
1060 Wien
Speisen
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Service
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