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Malerwinkl - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 31. Dezember 2011
Experte
amarone1977
315
75
30
4Speisen
3Ambiente
4Service

Erster Besuch. Empfehlung meines Cousins.

Wie kommt man von Klagenfurt über Salzburg, Linz und Wien nach Hatzendorf? Ganz einfach, man hat in Graz zu tun und schafft es nicht bis Graz und hat dank einer Empfehlung guten Grund, ein paar Kilometer Umweg in Kauf zu nehmen. Denn das so genannte "Vulkanland", unter welchem Label man hier die Region vermarktet, hat keine eigene Autobahnabfahrt, was dazu führt, dass man dank Navigationsgerät schon mal 4 oder 5 Mal per Bahnübergang über dieselbe Schmalspurbahn gelotst wird, bis man schlussendlich dort ist. Hat aber den Vorteil, dass man in all der Abgeschiedenheit so manches Kleinod finden kann.

Und das ist hier der Fall.

Das Überkonzept des Hauses Troißinger heißt "eat+art". Denn einerseits ist Chefkoch Peter Troißinger nicht nur ein mit internationaler Erfahrung ausgestatteter Koch, sondern auch umtriebiger Künstler. "Bringen Sie ihr altes Besteck mit. Ich mache ein Kunstwerk draus." Stimmt. Vor dem skurril überarbeiteten Haus sowie im Gastgarten (Sommer...) und am Kinderspielplatz stehen allerlei interessante Installationen, wie etwa ein ausgemergeltes Backrohr samt aufgeschweißtem Backblech und darauf verarbeiteten Löffeln und Gabeln. Siehe Link

Das ganze setzt sich auch innen fort. Die Gaststube sowie die hauseigenen, sehr gepflegten Zimmer (Einzelzimmer ca. 35 - 45 Euro) sind voll mit lustigen und kreativen Details, die vielleicht nicht jedermanns Geschmack sind, aber trotzdem die Gemütlichkeit an sich nicht zerstören.
Minus allerdings: der Raucherbereich in der Gaststube ist wie so oft um die Theke platziert, das Nichtraucherabteil beschränkt sich auf vier kleine, aber sehr gemütliche Tische in einem kleinen Nebenraum (siehe Bilder).

Service: zwei sehr junge Damen, eine davon ist die Tochter des Hauses, flink, sympathisch und stets bemüht.

Nachdem ich mich in meinem Zimmer "Klimt" kurz ausgeruht hatte (Klimtvorhänge, Klimtbild im Badezimmer,...) ging's zum Abendessen.

À la carte gibt's genauso wie zwei Menüs. Ein Weihnachtsmenü (wir schreiben Ende Dezmeber) dreigängig um ca. 23 Euro und ein viergängiges um ca. 29 Euro, sowie die Möglichkeit, ein Überraschungsmenü zu bestellen, unter Angabe von Zutaten, die man nicht mag.

Das viergängige Weihnachtsmenü (siehe Bilder) sollte es dann sein:

Hirschcarpaccio mit so genannten Nevetten (spezielle Form der Speiserübe), Nüssen und einem hausgemachten Marillen-Chutney. Hier sei noch erwähnt, dass der Meister des Hauses Dinge wie Marmeladen und Chutneys allesamt selbst macht. Das habe ich am nächsten Morgen am Frühstücksbuffet gemerkt. 9 verschiedene Marmeladen verdienen meinen Respekt. Sie schmecken auch verdammt gut.
Zurück zum Carpaccio: kurz gesagt, ein Traum. Extrem zartes, feines Hirschfleisch, die Nevetten sind feinst aufgeschnitten, zu Röllchen geformt, passen mit ihrer feinen Schärfe und einer beim ordinären Rettich fehlenden "Neutralität" perfekt zum Fleisch, die Nüsse tun ihr Übriges. Aber das Chutney: ich mag eigentlich keine Marillenmarmelade bzw. Marillenknödel o.ä, wegen der aufdringlichen Säure, selbst nach dem Nachzuckern. Aber hier ist ein Könner am Werk: so müssen Marillen verarbeitet werden! Die Kombi hier mit Fleisch, Wurzelwerk, Nuss und Frucht ist einfach der Hammer!

Topinambur-Schaumsuppe: sehr zurückhaltend, leicht aromatisch, nicht scharf, nicht schlagoberslastig, von den Erdäpfel-Knusperchips hätte ich allerdings gerne mehr gehabt. Muss ich auch mal zuhause probieren zu kochen. Nicht himmelschreiend, aber gut. Geht in Ordnung.

Der Zander: knusprig gebraten, für mich anstelle von roten Rüben Karotten. Mein Wunsch, die Rüben wegzulassen, wurde also erhört - der Zander wird auf Karotten gebettet, die frisch aus der Rindsuppe geholt wurden. Das lasse ich mir gefallen. Der Krenrahm ist mehr Kren als Rahm, gut so, und der Kren macht sich bemerkbar - er ist frisch, sehr frisch sogar.
Dazu Speckbraterdäpfel. Gratulation - endlich mal ein Koch, der es verstanden hat, dass all zu oft die Erdäpfel schale, stiefmütterlich vergessene Randerscheinungen am Teller sind. Muss nicht sein. Auch wenn ich ein bissi mit dem Speck gespart hätte, so kommt hier wieder eine Kombi zusammen, die einfach passt.

Nebenbei mal der Wein erwähnt: ein Zweigelt aus der Region. Die Südoststeiermark ist jetzt nicht gerade die berühmte Weinregion, aber der Zweigelt ist ehrlich und "erdig", also ein bissi schärfer, "grüner" als seine Brüder aus dem Burgenland.
Danach darf's ein Mittelburgenländer Blaufränkisch sein. Herr Gesellmann enttäuscht mich nicht!

Die Nachspeise: ein Kastanienreis von der Käferbohne (!!!) mit Weichseln und einem Tupfer Schlagobers.
Es ist ja bekannt, dass große Käferbohnen vorzüglich zum Backen geeignet sind (Bohnentorte). Klar, relativ neutral, Stärke ohne Ende. Dazu ein Kügelchen Isabella-Traubeneis (die Uhudler-Traube...).
Die Sache schmeckt überzeugend, blind verkostet wäre man vielleicht gar nicht auf die Bohnen gekommen. Gelungen! Zusammen mit den Weichseln (endlich mal nicht so pervers aromatisierte Cocktailkirschen....) und ganz wenig Schlagobers macht das Zeug einen gelungenen Abschluss. Anständig voll bin ich allerdings auch, also noch ein Digestif.

Espresso (bissi zu lang, ok, wir sind nicht beim Italiener) und ein Grappa von der Rebo-Traube (Kreuzung Merlot x Teroldego), Gardasee. Geht in Ordnung, kein Spitzengrappa, bissi scharf, aber nicht aromatisiert.

Fazit: ich bin begeistert! Hier arbeitet ein intelligenter Koch. Damit meine ich jemanden, der nicht "notorisch kreativ" am Teller ist, sondern auch versteht, was zusammen am Teller gut schmeckt. Frische Zutaten, hausgemachte Dinge wie eben die Chutneys oder das Wissen über Zutaten (für die Deko eingelegte Samen der Roten Melde (!!) oder eben die zuvor genannten Nevetten) machen hier einen Koch aus, der detailverliebt (nicht nur in puncto Kunst) und gekonnt seine Gäste zu begeistern vermag. So was spricht sich natürlich auch in einer Gegend herum, wo sich Fuchs und Has' sprichwörtlich Gut Nacht sagen.

Tipp: hinfahren, übernachten, in der Umgebung Rad fahren (Riegersburg, Fürstenfeld, Loipersorf...) und am Abend so richtig gut essen, meiner Meinung nach zu sehr freundschaftlichen Tarifen. Und nochmal über Nacht bleiben ;-)

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Kommentare (6)

am 1. Jänner 2012 um 18:24

Sodale, wir san a guat grutscht. :-)
Meine Mutti war eine gebürtige Steirerin, aber so wirklich anfreunden konnte ich mit dieser Küche nie. Kürbiskernöl (hab ich ihr oft mitgebracht, und dann war sie happy)) ist nicht mein Fall. Und diese Lungenstrudelsuppe, oh Gott. Die saure Salatzubereitung - nein danke.
Ich hab als Kind ständig den Salat verweigert, weil der sooooo sauer war.

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63
50
am 31. Dezember 2011 um 19:10

uc0gr: Jo danke, a so vü, vorsichtig, aber lustig rutschen!

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315
75
am 31. Dezember 2011 um 18:26

Ein SUPER-Review - Danke!

Alleine für "Hier sei noch erwähnt, dass der Meister des Hauses Dinge wie Marmeladen und Chutneys allesamt selbst macht" ist mir der Koch symphatisch. Wer mich halbwegs kennt, weiß warum...

Danke und guten Rutsch! Gerry

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215
47
am 31. Dezember 2011 um 18:15

Danke für die rasche Info!

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63
50
am 31. Dezember 2011 um 18:14

magic: eine fast schon in Vergessenheit geratene Kulturpflanze. Kann man wie Spinat verarbeiten. Die Samen wie gesagt können eingelegt werden.

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315
75
am 31. Dezember 2011 um 18:11

die Rote Melde ... was is´n das?

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Malerwinkl
Nr. 152
8361 Hatzendorf
Steiermark
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