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So, 21. Juli 2024

Stadtwirt, Wien - Bewertung

am 6. Jänner 2023
SpeisenAmbienteService
Der Stadtwirt – Mein Stadtrestaurant bei der U4

Die erste Bekanntschaft mit dem Stadtwirt liegt etwa ein Jahrzehnt zurück als ich dort eine Familienfeier anberaumte. Für mich verkehrstechnisch perfekt mit der U4 erreichbar, quasi wie daneben, U4-Landstraße, Ausgang Marxergasse, eine Gasse runter und man steht davor.

Seit Erstbesuch hat mich das Lokal gewonnen. Als klassisches Wirtshaus kann ich es zwar nicht bezeichnen, wiewohl die Wr. Küche dominiert, dafür ist es in vielen Bereichen zu schick, doch es hat Elemente die mir sehr gut gefallen, z.B. ein Erker und daneben die Nische sind schöne Elemente, wie sie halt Altbauten haben.

Buntfarbene Lampen bzw. bunte Wassergläser, welche traditionell die eingedeckten Tische zieren geben dem Lokal seine eigene Note. Der Stadtwirt war vor einiger Zeit für meine Verhältnisse noch eine teurere Sache, ist aber angesichts der letzten Preisentwicklungen dem allgemeinen Trend nicht in dem Maße gefolgt. Z.B.verlangt man kein Gedeck, was beweist, es geht auch ohne. Gut so.

Heute sticht er in Relation zu anderen gehobenen Stadtlokalen, was die Preise anbelangt, in Wien nicht wirklich hervor. Das klassische Mittagsmenü (mit Suppe) gibt es nicht, aber den Tagesteller. Im Grunde genommen weiß man, dass man kein „normales“ Wirtshaus ist.

Neben dem großen langen Hauptgastraum gibt es noch ein Stüberl und vor dem Lokal einen metallumrahmten Schanigarten, bei dem man versucht vor dem Straßenbild zu flüchten. Von außen ein wenig technisch anmutend, sitzt man aber einmal dort, ist die Atmosphäre gar nicht so schlecht.

Um das Lokal als traditionell zu betrachten, dafür fehlen noch die Jahre, aber das Ehepaar Lang hat es in ihrer quasi ersten Generation geschafft, das Lokal schon so stadtbekannt zu machen, sodass es zu den Hauptzeiten gerammelt voll ist. Ohne Reservierung zieht man wieder von dannen, was ich mehrmals musste, für Glücksritter kein Eroberungsfeld.

Einer Tradition folgt man, in dem offene Weine auf schwarzen Anschlagtafeln an den Wänden angeschrieben sind. Das kennt man von vielen Gasthäusern, aber ein normales Gasthaus wird der Stadtwirt für mich nie werden, dafür ein Ort, den man sich gerne merkt und sich vornimmt herzukommen.

Einen Häuserblock weiter ist das Gasthaus Zur Gruabn, ein Wirtshaus im alten Stil, es kommt mir aber nur selten in den Sinn. Dafür hat der Stadtwirt gehörig gesorgt, dass ich in der Gegend zehnmal lieber hier einkehre. Er stößt seinen Konkurrenten sozusagen in die Gruabn angesichts der Qualität, die hier geboten wird.


Hohes Niveau in allen Bereichen

Was mich fasziniert ist der hohe Level auf allen Ebenen. Egal ob Suppe, das einfache Hausmannsgericht, eine Tages- oder Wochenspezialität, Desserts, Weinauswahl, Kaffee, Schnäpse und was sonst das Herz begehrt, in jeder Kategorie ist man ausnehmend gut vertreten, was man nur selten als Gesamtpaket so vorfindet.

Die RS wird in Vollendung gepflegt, nur selten ergreife ich eine Alternative, weil ich diese urwüchsige Kraftbrühe nicht missen möchte. Neben dem klassischen Leberknödel gibt es auch die Variante mit Fleischstrudel und Grießnockerl.

Bei der hohen Qualität erlaube ich auch die dafür recht statthaften Preise um 6,90€ für die Einlage mit Leberknödel oder 7,90€ für Fleischstrudel und Grießnockerl. Hier spüre ich doch ein wenig die Welle der Preisanpassung, aber im Grunde genommen nur hier.

Ein Ausnahme von meiner RS-Tradition machte ich mal mit einer Spargelcremesuppe, was aber kein Fehler war, denn sie überzeugte nicht nur in ihrer Feinheit, war abgeseiht, leicht aufgeschäumt und dabei voll im Geschmack. Auch die optische Präsentation hinkte nicht nach. Suppen sind hier quasi für mich ein Muss.


Feine Mittagstische für alle Anlässe – Besuche aus 2022

Gerne kehre ich zu Mittag ein, heute mehr als früher, nicht nur, aber dann quasi wie in ein Gasthaus, und oft auch alleine. Der Preis für den Mittagsteller (Tipp des Tages) liegt gegenwärtig bei 13,90€. Zuvor starte ich mit einer RS wie zuvor beschrieben.

Begeistert war ich hernach nicht minder von einem ausnehmend guten Duft eines traditionellen Erdäpfelgulaschs als Tagesteller, mit rauchiger Wurst und geschmackvollen Erdäpfeln, wohlgebettet in kräftig sämigem Safterl, Löffel für Löffel ein Hochgenuss.

Weitere Mittagsbesuche glänzten mit einer Rindsroulade (22€), die etwas kleiner ausfallen, dafür zwei Stück pro Portion, mit exzellent gewählter Fleischauswahl. Für meine Begriffe kein gewöhnliches weißes oder schwarzes Scherzl, sondern deutlich saftiger. Schlag mich tot, was man nimmt, aber sauguat!

Dafür wickelt man nicht alle Gemüseteile ein, sonst müsste man die Rouladen größer formen, aber ein Essiggurkerl ist ein Muss und ein wenig Blattspinat schaffen einen gut gewählten kulinarischen Kontrapunkt.

Sehr ähnlich fielen Fleischlaberl aus, auch kleiner geformt, dafür drei an Stück, klasse gewürzt, ich kann’s nicht besser. Diese Arten werden typischerweise mit Erdäpfelpüree samt einer kleinen Schicht Röstzwiebel ergänzt. Ein passendes Safterl, keine Jus, sondern aus den geschmorten Fleischteilen gewonnen, aah … (!), man kann’s eigentlich nicht beschrieben, man muss es genießen.

Diese Art Lokal bietet sich klarweise auch für geselligere Anlässe an, dann wird ein Flascherl Wein geköpft, z.B. auch Neuerprobungen. Ein Coblot von Gager musste sein Leben lassen und wurde um wohlfeile 46€ gemeinsam vernichtet, der das weitere Mahl begleitete.

Ich habe frühere Besuche nicht mehr so im Gedächtnis. Was man nicht vergisst sind die treffsicheren Geschmacksbomben. Diese schreiben Spuren in deinen Geist wie in die Ganglienzellen der Erinnerungen und im Gegensatz zu anderen sind es jene, die man sich auch im Nachhinein merkt und auf Aufruf genießt, und das über Jahre.


Der Kaiserschmarr’n – eine Liga für sich

Der KS ist mit Verlaub hier der wohl beste der Wiener Gastronomie. Vielleicht kenne ich die eine oder andere Ausnahme noch nicht, dann vergebe man mir oder kläre mich auf, aber an den kommt für meine Begriffe nur einer ran, das wäre die Meierei Stadtpark. Der hier erfüllt meine Wünsche schlafloser Nächte, falls sich die ansonsten damit verbunden Wünsche schon erfüllt haben. 😊

Es gab Besuche, da kehrte ich z.B. mit einem Arbeitskollegen extra nur deswegen hier ein, einfach um ihm zu erklären wie KS wirklich geht, weil er meinte, dieser oder jener aus Gasthaus XY oder auch jener der hochnoblen Destination wäre ausgezeichnet gewesen. Ich konnte überzeugen.

Der gegenwärtige Preis um 13,90€ möchte aber auch um Qualität bitten. Warten muss man mindestens 20-30 Minuten, auch noch länger. Die Zeit überbrücke ich gerne mit Espresso (groß um 5,30€) oder zwecks Vorfreude mit einer Gölles Marille (5,90€), alles feinste Ware, der Kaffee von Naber auch kräftig und gehaltvoll.

Wenn der legendäre KS dann am Tisch steht betört fürs erste sein angenehmer Duft, zart und köstlich, nicht intensiv aber wohltuend. Dabei könnte die Rum- oder Vanillenote durchaus deutlicher ausfallen, aber vielleicht übertreibe ich selbst damit nur. Der Teig ist luftig und fluffig, die Röstung der Karamellisierung ist zart und auch die könnte noch ein wenig kräftiger ausfallen, dafür wird nicht mit Teigsüße gespart.

Die klassische Beilage ist ein Zwetschkenröster mit schönen ganzen Zwetschkenhälften und eine Kraftnote an Rum, hier wird die volle Energie angeliefert. Üblicherweise tue ich mir darum gar nicht so viel an, aber der bleibt nur selten übrig.

Die Küche hat hier ein Gustostückerl drauf, von dem sich andere was abschauen dürfen. Gerne würde ich mal den einen oder anderen Koch eines renommierten Kaffeehauses herordern, aber das sei mein persönlicher Kommentar. Die armen „Hunde“ müssen ja tun, was die Chefs bzw. die Führung vorgibt. Gut, dass die Langs hier auf Qualität setzen, mein volles Lob dafür.


Service und Gesamtwertung

Das Servicepersonal, hier bevorzugt von der weiblichen Gattung, macht seinen Job tadellos. Es weisen nicht alle die gleiche Qualifikation auf, aber wirklich bemängeln möchte bzw. kann ich das gar nicht. Es funktioniert summa summarum stets sehr gut.

Besonders ans Herz gewachsen ist mir die etwas kleinere Kellnerin mit doch auffällig kräftigerer Figur, immer Kurzhaar, ein Temperamentbündel, nicht auf den Mund gefallen, kann brummen wie ein Hummel, hat aber wie das so bei solchen Menschen ist, ein goldenes Herz. Ich weiß ihren Namen bis heute nicht, das muss ich nachholen. Wer das Lokal kennt, der weiß, wen ich meine.

Ich erwähnte eingangs, dass der Stadtwirt kein übliches Wirtshaus ist, auch wenn man sich gerne als solches ausgeben möchte. Das hat schon beim Meixner nie bei mir funktioniert, aber er ist ein Restaurant mit Top Wr. Küche und in Summe überzeugen mich die ausnehmend hohe Qualität und vorherrschende Küchenkonstanz.

Wenn es hier Schwächen gibt, und ich meine die gibt es wie in jedem anderen Lokal, d.h. auch bei Reitbauer & Co, denn nobody is perfect, dann möchte ich das um des Gesamteindruckes willen schlicht vernachlässigen. Doch Hand aufs Herz, über solche Dinge könnte ich bei anderen weit mehr berichten und tue es auch dort nicht, wenn es nicht ins Gesamtbild passt.

Der Stadtwirt verdient als eine der wenigen Gasstätten für meine geliebte Wr. Küche für Speisen und Getränke rundum die wohlverdiente Höchstnote. Das Ambiente, ein Mix aus dem Versuch einen Wirtshauscharakter zu vermitteln und gehobenen Elementen, ist sehr anspruchsvoll, und es erreicht gerade deswegen seine Individualität.

Obwohl die Preise überall schmerzvoll angezogen haben, so hebe ich gerade in dem Bereich hervor, dass das hier auf mich nicht so drastisch wirkt wie woanders. Ich finde für das Repertoire der Wr. Küche keine Preise über 30€, wohl auch nur sehr wenige unter 20€, außer den Tagestellern. Ich habe mich also entweder daran schon etwas gewöhnt, oder der Stadtwirt möchte bodenständig bleiben.

Für gesellschaftliche Anlässe geschlossenen Rahmens gibt es noch ein weiteres Stockwerk mit Bar und einigen Räumlichkeiten. Ich konnte sie aber noch nicht einsehen. Wie es sich ergibt könnte das mal für einen runden Geburtstag gewählt werden, wenn es die Geldbörse zulässt. Bis dahin bleibe ich Gast für den guten Mittagstisch oder eine gemeinsame Abendrunde.

Na dann Prost Mahlzeit
Euer WrKFan
Stadtwirt - Klassisches Wr. Schnitzel (26€) - tadellos - Stadtwirt - WienStadtwirt - Apfelstrudel - wie von der Oma, sehr gut - Stadtwirt - WienStadtwirt - Spargelcremesuppe - Hingucker und auch sonst tippi-toppi - Stadtwirt - Wien
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1 Kommentar
adn1966

Ja, der Stadtwirt. Als wir noch im Dritten gewohnt haben, war der Stadtwirt für 20 Jahre unser kulinarisches Wohnzimmer und ich unterschreibe alles, was WrKFan in der Rezension geschrieben hat. Auch die Veranstaltungsräume sind gut, wir hatten auch die ein oder andere Feier dort. Und ja, auch für mich ist der Kaiserschmarren bisher unübertroffen.

9. Jän 2023, 10:55Gefällt mir1
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