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Fr, 14. Juni 2024

Goldenes Zeitalter, Wien - Bewertung

am 15. Oktober 2020
SpeisenAmbienteService
Ja, das war heute einmal nichts – vorerst.

Das „Goldene Zeitalter“ ist eines von wenigen bulgarischen Restaurants in Wien (eine Hand voll?), was einerseits schade ist, andererseits ist es natürlich verständlich, nicht viele kennen oder schätzen die durchaus schätzenswerte bulgarische Küche.

Das Lokal wurde vor gerade einmal knapp drei Wochen von einem neuen Besitzer übernommen, Interieur und Karte sind (bisher) unverändert, es wird klassisch bulgarische Küche in einem ehemaligen chinesischen Restaurant kredenzt, gleichwohl man sich bemüht hat, das Ambiente einigermaßen bulgarisch zu gestalten. So gibt es zum Beispiel Bilder an den Wänden, die das „goldene Zeitalter“, die Zeit Bulgariens größter Ausweitung unter dem, gegen Ende des ersten Jahrtausends, regierenden Zar Simeon I darstellen.

Wir waren jetzt drei bis vier mal dort, eigentlich immer recht zufrieden, heute sollte es ein besonderer Abend sein, meine Schwiegermutter ist aus Sofia zu Gast, meine Schwester, die Liebste und ich wollten dies mit einem Besuch in einem klassisch bulgarischen Restaurant feiern. Keine Sorge, natürlich habe ich die SchwiMu während ihres Besuchs auch klassisch österreichisch bekocht, Schweinsbraten, Kraut und Knödel inklusive.

Das Ambiente im Lokal ist ok, wenn auch verbesserungswürdig. Ein bisschen mehr Gemütlichkeit könnte man schon noch herstellen, ohne überbordend investieren zu müssen, aber wir wollen den neuen Besitzern Zeit geben, hoffentlich in Zukunft an diesen Schrauben zu drehen.

Die Küche ist sehr gut, man bemüht sich, vorwiegend mit frischen und hochwertigen Produkten zu kochen. Convenience-potato-wedges vom Metro zu verwenden ist aus meiner Sicht in einem Lokal dieser Preisklasse durchaus zulässig, muss aber nicht sein. So schwer sind frische Braterdäpfel jetzt ja auch nicht herzustellen, aber sie dauern halt für das à la Minute Geschäft länger.

Für die Reservierung gibt es einen Link, über dem man auch die Speisekarte herunterladen kann und auch sonst einiges Wissenswertes über das Lokal erfahren kann, unter anderem die akzeptierten Zahlungsarten (dies wird am Ende der Bewertung noch ein Thema). Nun gut, nicht die persönlichste aller Webseiten, aber alles da. Ich reserviere einen Tisch mit der Zusatzbemerkung: „Bitte einen schönen Tisch, vielen Dank“. Danach bekommt man eine automatisch generierte Antwort, die die Reservierung bestätigt und gut ist’s.

Beim Betreten des Lokals war gerade einmal ein Tisch besetzt, die Kellnerin ignorierte uns trotzdem einmal ein paar Minuten lang, um uns dann auf bulgarisch mitzuteilen, wir mögen uns halt einen Tisch unserer Wahl aussuchen. Na ja.

Wenn ich reserviere und noch dazu um einen schönen Tisch bitte, erwarte ich, dass der Wirt dies in irgendeiner Form zur Kenntnis nimmt und reagiert. Ein „Ja, Herr adn, wir haben natürlich einen besonders schönen Tisch für Sie vorbereitet“ kostet nichts, wäre aber eine angemessene und für den Gast gewinnende Reaktion.

Wir bestellen, klassisch bulgarisch, eine Runde Schnäpse (Burgas63, mein Favorit) und dazu, comme il faut, diverse Salate. Wir bestellen auch gleich Vor- und Hauptspeisen, allerdings mit dem Zusatz, erst mögen bitte Schnaps, stilles Mineralwasser und Salate serviert werden. Dies wurde von der Kellnerin mit „eh klar“ bestätigt, inklusive Augenrollen und scharf. Na gut, Service am Kunden – erste Klasse: durchgefallen.

Needless to say, es kamen Schnäpse, Salate, ein Teil der Hauptspeisen und die ein oder andere Vorspeise gleichzeitig, mein verwirrter und fragender Blick wurde mit einem „ein paar Speisen sind halt schneller fertig geworden“ seitens der Kellnerin quittiert. Bruhaha – Teil 1.

Am Tisch war somit gepflegtes bulgarisches Chaos, meine Schwiegermutter hatte Ihre Vorspeise (Katshamak – bulgarische Polenta, - gut, aber auch nicht mehr), eine Portion Bratkartoffeln (oder in diesem Fall Metro-Potato-Wedges), meine Schwester hatte Salat + Bohnensuppe (beides zugegeben sehr gut), die Liebste wiederum nur Salat („Schneewitchen“ – Snejanka, quasi Bulgariens Antwort auf Tzatziki, sehr gut), sonst nichts, ich wiederum, obwohl ich (für später) auch eine Bohnensuppe geordert hatte, auch nur meinen Schneewitchensalat.

Zum Glück hatten wir alle Schnaps und (leider lauwarmes) Leitungswasser in einer Kanne, obwohl wir eigentlich stilles Mineral bestellt hatten. Eis wurde auf Aufforderung gereicht, eine große Flasche gekühltes Mineralwasser wäre hier das Richtigere gewesen, nichts gegen unser Leitungswasser, aber bestellt hatten wir es anders.

Kurz danach (noch bevor wir eine Chance hatten, unseren Salat-Vorspeisen-Hauptspeisen-Mix aufzuessen) kamen auch für die Liebste und mich der Rest der Bestellung.

Für mich Bohnensuppe in Begleitung meiner Hauptspeise (2 Fleischlaibchen mit „Ljutenitza“, einer leicht pikanten Paprikapaste, ähnlich Ajvar), für die Liebste „Kartoffel-Kjufteta“ (eine in Bulgarien sehr beliebte Variante unserer Erdäpfelpuffer, aber doch anders. Man stelle sich ein Fleischlaberl vor, nur halt ohne Fleisch und mit Erdäpfelstückchen, einfach köstlich).

Trotz Chaos und wie schon eingangs gesagt, die Küche ist gut, klassisch bulgarisch, schmackhaft, die Produkte, mit denen gekocht wird, sind gut, der Koch versteht sein Handwerk.

Die Bohnensuppe ist nachgerade ausgezeichnet, die Fleischlaibchen könnten einen Ticken saftiger sein, aber in Summe passt das schon, nur die Ablaufprozesse, wann etwas aus der Küche abgerufen wird, passen halt so was von nicht, wenn es diese Ablaufprozesse hier überhaupt gibt.

Das nächste Bruhaha kam, als meiner Schwester auffiel, dass ihre Hauptspeise (gebackener Schafkäse) nicht kam. Auf Nachfrage wurde uns von der selben Kellnerin beschieden, sie (die Hauptspeise) sei halt vergessen worden. Danke für die Info, jetzt brauchen wir sie auch nicht mehr.

Bruhaha – Teil 3 (und der letzte Bruhaha – Akt) kam, als ich genervt nach der Rechnung verlangte und diese, wie schon vor zwei Wochen (und, nachdem ich dies auf der HP erneut nachgelesen hatte) mit Bankomat begleichen wollte. „Nein, geht leider nicht“, wurde mir von der Kellnerin mitgeteilt, deren Service-Performance meine Toleranzgrenze nun endgültig überschritt.

„Nun gut, dann, meine Liebe, schicken Sie mir bitte eine Rechnung, laut Ihrer HP darf ich mich als Gast schon darauf verlassen, dass die Zahlungsmittel, die Sie dort beschreiben, auch tatsächlich akzeptiert werden“.

Mehr hatte ich nicht gebraucht.

Es folgte ein Schwall an Vorwürfen in meine Richtung, dies sei halt alles nur passiert, weil es neue Besitzer gibt (seriously, was kümmert mich das als Gast?), und überhaupt, auch wenn viele Fehler passiert sind (echt jetzt?), für die Fehler waren ja nur die Kollegen in der Küche Schuld (es ist mir als Gast ziemlich wurscht, wo genau mein Abend versaut wird), sie hätte als Kellnerin ja alles richtig gemacht.

Nein, hat sie natürlich nicht.

Die Reaktion beim Begrüßen, - zugegeben, im Lichte der weiteren katastrophalen Fehler eine Kleinigkeit, - das falsche Abrufen der Speisen, die Reaktion auf die Beschwerde eines Gastes, alles, alles falsch, junge Dame.

Den Vogel schoss sie allerdings damit ab, als ich ihr, zugegeben genervt, versuchte zu erklären, dass es nicht wirklich akzeptabel sei, bei zwei (!) besetzten Tischen im Lokal die Bestellungen derart durcheinanderzubringen. Man stelle sich nur vor, was passiert wäre, wenn das Lokal voll gewesen wäre.

Reaktion: „Bevor Sie gekommen sind, waren wir aber ganz voll.“

You have got to be kidding. Echt, jetzt?

Gut, irgendwann wird’s dann auch mir zu viel und ich ließ die Chefin zum Rapport antreten. Die Dame kam zum Tisch, ich listete die Vielzahl aller Fehler auf, sie verstand, entschuldigte sich, bot eine Runde aufs Haus an, und versicherte uns gefühlte hundert Mal, sie sei ja neu als Besitzerin und ja, mit allem hätten wir natürlich Recht und gelobte glaubwürdig Besserung.

So geht Beschwerde-Management. Ja, viele, viele und teilweise unverzeihbare Fehler sind passiert. Sag dem Gast am Anfang, dass Bankomat nicht geht, weil Besitzerwechsel, jeder wird’s verstehen, nur nicht am Ende des Abends. Heiße den Gast willkommen, grad, wenn Du das Lokal neu übernommen hast, go the extra-mile, wenn jemand eine Reservierung tätigt, zeig, vor allem, durch die Art, wie Dein Personal in Deinem Namen am Gast reagiert, dass Du mit Fehlern richtig umzugehen weißt.

Die Chefin hat den Abend für uns grad noch gerettet, sie hat mir am Ende sogar schon echt leid getan, weil sie wirklich durch meine (zugegeben ausführliche – aber Ihr kennt ja meine auch nicht gerade kurzen Bewertungen – Kritik) ganz geknickt war, aber sie hat tatsächlich alles richtig gemacht.

Einsehen, Inputs aufnehmen, no push-back, kritikfähig sein und versuchen, den Gast doch noch zu gewinnen, den Abend für ihn irgendwie zu retten.

Wir wollen dem „Goldene Zeiten“ noch eine Chance geben, irgendwann gehen wir wieder hin und ja, sollte jemand von Euch gute, authentische bulgarische Küche probieren wollen, - go ahead, gutes Essen, leider (noch) viele ORG – Schwächen, die man hoffentlich in Zukunft in den Griff bekommen wird.
Ambiente mit Zar Simeon - Goldenes Zeitalter - WienWochenkarte - Goldenes Zeitalter - WienScharfe, eingelegte Pfefferone, fantastisch - Goldenes Zeitalter - Wien
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