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Di, 25. Juni 2024

Cafe Goldegg, Wien - Bewertung

am 19. März 2023
SpeisenAmbienteService
Letztens hatte ich einen (etwas langatmigen) Termin im 4. Bezirk, von dem mich eine liebe Freundin abholte. Da ich am Verhungern war schlug sie das Café Goldegg vor, da es gleich ums Eck lag. Über das Goldegg habe ich - zugegebenermaßen - bisher nur wenig gehört, weshalb ich freudig einwilligte.

Beim Betreten des Lokals wird man sofort von der urig-traditionellen Atmosphäre übermannt: hohe Räume, klassische Kaffeehauseinrichtung aus den "alten Jahren" und eine große Torten-/Kuchentheke neben bzw. unter der langgezogenen zentralen Bar. Links und rechts von der Bar (L-förmig) gibt es viele kleinere Tische und Sitznischen. Es erinnert ein wenig an eine Mischung aus Eiles und Hummel. Ich mag das. Auch der Geruch im Café etwas abgestanden, irgendwie wie so ein altes, ausgedampftes Rauchercafé, in dem keiner mehr raucht. Ich fühlte mich gleich wohl.

Ein Kellner kam sofort und geleitete uns zu einer kleinen Sitznische, die zwar nahe am Nachbartisch lag, aber uns störte das eigentlich den gesamten Aufenthalt nicht. Da an allen Tischen Menschen geredet oder gelesen haben, hatte man nicht das Gefühl, dass einem jemand zuhört - wir sind sofort in unser Gespräch abgedriftet - spricht für das Lokal, sonst wäre ich eher zurückhaltend mit den Themen gewesen. ;)

Ich bestellte einen Milchkaffee mit Schlag, meine Freundin eine Melange und ein großes Soda. Da mein Hunger schier unstillbar schien musste vor dem Kuchen noch etwas Salziges her: ein Backhendlsalat. Für mich immer die Probe aufs Exempel, da ich finde, dieser immer zeigt, wie weit die Küche ist - paniert sie selbst, welche Stücke vom Hendl? Wie ist der Salat mariniert und WELCHER Salat ist es überhaupt? Echtes Kürbiskernöl oder Salatölmischung mit Kernölanteil? Ich war gespannt.

Keine 4 Minuten später war unser Kaffee am Tisch und ich war baff, denn das Kaffeehäferl war in einer Größe, die ich mir überall wünschen würde, wenn ich mir ein Häferl Milchkaffee bestelle und auch die Portion Schlag oben drauf entsprach meiner Vorstellung. Wunderbar. Zum Kaffee selbst kann man ja bei dieser Milchmenge wenig sagen, aber mir hat allein das Herunterlöffeln vom Obers schon einen Grinser ins Gesicht gezaubert. Für mich der perfekte Kaffee (ich weiß, für Kenner ein Frevel, das weiß ich wohl, aber Bibi mag ihr Gebräu halt mit viel Milch und Tonnen an Schlagobers...). Auch meine Freundin war mit ihrer Melange zufrieden.

Dann kam der Backhendlsalat. In der Karte steht "Steirischer Backhendlsalat mit Kren und Kernöl" - nichts von Erdäpfel. So kam er auch. Es waren vier Stück Backhendlstreifen in Kürbiskern-versetzter Panier (leider das bekannte TK-Produkt, welches nicht schlecht ist, aber halt schade, dass hier Convenience sein muss) auf einem Bett großer, nicht gabelfreundlicher Lollo Rosso und -Bianco Salatblätter, daneben Hälften von Cherryparadeisern und halbierten Gurkenscheiben. Mehr war der Salat nicht. Darüber eine große Ladung Kürbiskernöl (echtes!) und dezente Noten von Essig. Kein Salz, kein Pfeffer. Ohne Nachwürzen eine leider sehr einfältige G'schicht. Mit meinem Zutun von Salz und Pfeffer ging der Salat dann, aber ich war eigentlich traurig, dass es nicht ein paar Erdäpfelscheiben in den Salat geschafft haben. Und Zwiebel. Und Liebe. Natürlich habe ich es aufgegessen, weil ich hungrig war und es war ja nichts schlecht daran, aber meine Vorstellung ging in eine komplett andere Richtung. Es tut mir sehr Leid, dass es davon kein Foto gibt, aber das spricht nur für meinen großen Hunger - drübergestürzt, bis meine Freundin meinte "Wolltest du davon kein Foto machen?"... Too late.

Das große OHOOO kam aber dann mit der Nachspeise, und das ist genau das, was ein gutes Kaffeehaus auch ausmacht - in traditioneller Wiener Marnier: selbstgemachte, qualitativ und auch optisch hervorragende Desserts. Ich wählte eine Esterhazy-Schnitte, meine Freundin eine Sachertorte. Meine Schnitte war zum Reinlegen: flaumige Nussschichten, wunderbare vanillige Oberscreme dazwischen. Optisch herrlich mit Karamellsauce verziert, und beim Reinstechen mit der Gabel ist nicht alles auf der Seite rausgequillt, obwohl die Creme weit ab von er kompakten Pampe war, die sonst oft in diesen Esterhazy-Schnitten vorkommt. Ich habe - glaub ich - in meinem Leben noch nie so eine (für mich) perfekte Esterhazy gegessen. Wunderbar. Nebenbei lernte ich auch noch von meiner Freundin, dass die Schnitte deswegen so heißt, weil es des "Esterhazy-Gespann" bei Pferdewägen gab, wo abwechseld ein dunkles und ein helles Pferd eingespannt wurden, wie eben bei dieser Schnitte...

Ihre Sachertorte war ein Gedicht. Keine "originale", aber dafür vieeel mehr unser Geschmack nach Hausrezept: schokoladig, fudgig, hervorragende Marillenmarmelade und zwar kein großes Stück, aber ausreichend ob seiner Mächtigkeit. Auch hier liebevoll verziert mit Schokosauce und Cocktailkirsche. Fast schon kitschig, aber "für's Augerl" ganz fein.

Für die Speisen habe ich deswegen 4 Punkte gegeben, weil für mich im Durchschnitt 3,5 - als Mathematikerin runde ich aber gern auf und sage, dass die Bewertung eines traditionellen Cafés eigentlich eher die Süßspeisen (und von mir aus das Frühstück oder Brötchen) in den Fokus stellen sollte, da man in ein Kaffeehaus ja nicht geht, um hochwertige Hauptspeisen zu konsumieren. Der Kaffee kommt ja "danach", und mein Salat war durchwegs OK.

Ich mag das Goldegg, weil man dort die alte Wiener Kaffeehauskultur noch spüren und riechen kann.

PS: Für's kleine Börserl ist das Lokal allerdings nichts: Der Kaffee mit Schlag kostete 6,70 EUR, der Salat 14.90 EUR. Das ist schon die gehobene Preisklasse.
Sacher und Esterhazy - Cafe Goldegg - WienHäferlkaffee mit Schlag - Cafe Goldegg - WienCafe Goldegg - Wien
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2 Kommentare
BiancaC

Danke dir!!

19. Mär 2023, 16:20Gefällt mir1
WrKFan

Sag ich doch immer, in einem Kaffeehaus isst man keine HS! :) Klassische Bestätigung deinerseits. Ich bewerte es ebenso nicht danach. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Sehr netter Bericht. LGH

19. Mär 2023, 15:26Gefällt mir1
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