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Fr, 14. Juni 2024

Zum Lercherl von Hernals, Wien - Bewertung

am 19. Februar 2019
SpeisenAmbienteService
Es tut mir wirklich leid, dass ich hier eine 3-3-3 Bewertung schreiben muss. Zum einen, weil es einfach fad klingt, zum anderen weil es für das Lokal so einfach wäre, die Wertung zu verbessern. Ich hoffe, das passiert noch.

Ich war vor zwei Wochen mit meiner Mutter und meiner Schwester im mittlerweile auch nicht mehr so neu übernommenen Lercherl von Hernals. Baulich hat sich nichts verändert, es sind die gleichen Möbel, Böden, Wände und Schank vorhanden. Ich schätze, dass ausgemalt wurde, sonst hat sich nichts verändert. Auch darf man im vorderen Raum mit der Schank noch rauchen – das finde ich gut, das gehört zu einem Vorstadtwirtshaus. Nachdem der Nichtraucherbereich über einen eigenen Eingang betreten werden kann, sollte sich auch niemand daran stören.

Was uns dann aber gestört hat, war die Kälte. Wir saßen im Schankraum und ich weiß nicht, was los war. Es war kein merklicher Luftzug zu spüren, am Oberkörper ist es auch gegangen, aber die Füße und Beine sind uns abgefroren. Deshalb sind wir auch nach dem Essen recht schnell aufgebrochen. Zweiter Kritikpunkt beim Ambiente, weshalb es nur die „3“ wurde: die Toiletten. Warum wurden die während der Monate wo geschlossen war, nicht saniert? Alles ist sehr alt und weist starke Gebrauchsspuren auf, eine billige, ebenfalls in die Jahre gekommene Klobrille hängt schief auf dem WC. Und am WC geht wirklich ein Wind, das ist mit Abstand der kälteste Ort in dem Lokal.

Die Servicenote ist ein guter Schnitt aus 5 + 1. Die telefonische Reservierung zuvor hat gut geklappt, war jetzt aber nicht überschwänglich freundlich. Aber egal. Wir kommen am frühen Abend und bekommen sofort unseren Tisch. Der freundliche Kellner bringt uns die Karten und wir haben Zeit, wegen Getränken und Speisen zu schauen. Nach kurzer Zeit ist er wieder da und fragt nach unseren Wünschen. Da das Lercherl auf der Homepage (noch immer bzw. wieder) mit einer großen Auswahl an Innereien wirbt, fragen wir nach, ob es noch andere Speisen als die Leber von der Karte gibt. Der Kellner meint, es ist sein erster Tag, er wird sich gleich erkundigen. Vom Nachbartisch ruft jedoch sofort eine Frau herüber, dass es nichts anderes gibt. Die Lieferung kommt am Montag, da ist die Auswahl groß, bis Samstag gibt es dann nur, was übrig ist oder eben Leber. Gut, wir überlegen noch ein bisschen und entscheiden uns dann für den gebackenen Kalbskopf und zwei mal Ochsenbackerl – ein mal davon jedoch bitte mit Pürree statt Bandnudeln. Ist kein Problem.
Die Karte ist übrigens im Vergleich zum Vorgänger stark verschlankt worden, auch die große Auswahl an Gebackenem wurde deutlich reduziert. Ein paar innovativere Speisen haben den Weg auf die Karte gefunden, man kann dennoch weiterhin von klassischer Wiener Küche reden.

Nach angemessener Wartezeit kommt das Essen. Mein Kalbskopf ist großartig, frisch gebacken, heiß, die Panier sehr gut, die Sauce Tartar dazu ebenfalls. Den dazugehörigen Erdäpfelsalat muss ich etwas später urgieren. Dennoch, ein top Essen. Die Rindsbackerl leider so gut wie kalt. Wir überlegen sofort, ob wir das Essen zurück gehen lassen, doch meine Mutter fürchtet, dass dann alles zusammen in die Mikrowelle gegeben wird, was den ohnehin schon mirkowellengewärmten Nudeln überhaupt nicht gut tun würde, das Erdäpfelpürree würde auch darunter leiden. Also wird heiße Beilage mit kalten Fleisch gemischt in den Mund gesteckt und lauwarm genossen. Die Bandnudeln dazu wie erwähnt von der ausgetrockneten Sorte, das Erdäpfelpürree jedoch ein Gedicht! Ich habe selten so ein gutes Pürree bekommen. Das war selbst gemacht, hatte eine schöne gelbe Farbe, ein dezentes Muskat-Aroma und die Konsistenz ließ noch die gestampften Erdäpfeln erkennen, war im Mund schön weich, einfach herrlich! Der Saft zum Fleisch war leider sehr ungleichmäßig aufgeteilt. Während auf dem einen Teller reichlich Saft ist, sind weder Fleisch noch Nudeln vom anderen Teller so richtig mit Saft in Berührung gekommen.

Und solche Sachen gehen meiner Meinung nach einfach nicht. Selbst wenn am Samstag der „Hauptkoch“ frei hat und nur eine Aushilfe in der Küche steht, die vorgekochtes aufwärmt, das Essen sollte zumindest warm sein und halbwegs gleich aussehen. Wenn ich mich recht erinnere, waren jedoch drei Personen in der Küche anwesend, es ist mir wirklich nicht begreiflich, wie das passieren kann. Wieder 1 und 5 so knapp nebeneinander, dass sich nur die „3“ ausgeht. Die Nudeln kurz befeuchtet, beim Fleisch die Temperatur geprüft und den Saft gleichmäßig verteilt und das Essen wäre eine glatte 4 gewesen.

Zurück zum Service. Der Kellner ist versiert, freundlich, flott, schurdelt durchs Lokal und hat trotzdem Zeit für Fragen und ein Lächeln. Besonders sympathisch mit seiner Brille, die beim Bügel zwischen den Gläsern zu öffnen ist. Ein Unikat in Lederhose. Das Servicemädchen jedoch furchtbar. Schon beim Essen servieren keine Mimik, keine Worte, aber da war der Kellner ja noch dabei, da fiel das nicht auf. Abservieren kann das Mädchen in schwarz jedoch alleine. Wortlos streckte sie die Hand über den Tisch und nahm die leeren Teller mit. Keine Frage, ob es geschmeckt hat, ob sie abservieren darf, ob wir weitere Wünsche haben; gar nichts. Kein Lächeln, kein Augenkontakt. Das habe ich auch noch nicht gesehen, so ignoriert wurde ich selten. Wenn es mich dermaßen nicht freut im Service zu arbeiten, muss ich mir etwas anderes suchen. Aber für ein Lokal ist das ein schlechtes Renommee.

Nun, ich werde dennoch wieder hingehen, denn ich mag die Art von Lokalen, Wirtshäuser die bodenständig sind, wo nicht lauter Trangler an der Schank stehen, das Preis-Leistungsverhältnis passt und auch keine Touristenbusse halt machen. Und natürlich, wo ich meinem Laster noch drinnen frönen darf. Das gehört zur Gemütlichkeit dazu. Aber ich gebe ihnen bis dahin noch ein paar Wochen um ihre Abläufe zu verbessern. Und dem Wetter, um ein bisschen wärmer zu werden.
Hilfreich14Gefällt mir11Kommentieren
2 Kommentare
cmling

Und wenn's wärmer ist trinken die Leut mehr.

22. Feb 2019, 16:50Gefällt mir
Eisendraht

warum zum Geier sparen Wirtsleute beim Heizen? nichts ist ungemütlicher als kalte Räumlichkeiten - ist das wirklich so ein Kostenfaktor?

19. Feb 2019, 19:57Gefällt mir2
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