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Böhm - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 22. März 2015
Experte
dieBrotvernichter
67
17
18
4Speisen
3Ambiente
3Service

Wir sind so neugierig auf den Böhm, dass wir bereit sind, 41 Anreiseminuten in Kauf zu nehmen. Hat sich’s gelohnt? Naja, geschmeckt hat’s schon. Gutes Essen halt, das seinen Preis hat. Gibt’s in Wien auch. Aber das Besondere hat gefehlt. Noch einmal extra hinfahren? Wohl eher nicht.

Positives schon gelesen in diesem Forum, im Gault Millau auch (der meint sogar der Böhm kocht 2015 mit 2 Hauben) und gehört von unseren Lieblingsausländern. Eine davon begleitet uns zum Essen. Sie hat einige gute Böhmerfahrungen gemacht und wartet schon auf uns an der alten Schank. Mit dem Herrn Ober und dem Herrn Chef – der hat ja gar keine Haube auf. Aber er kocht ja auch noch nicht, sondern plaudert. Freundlich und kurz auch mit uns. Aber auch Wichtiges für den heutigen Abend mit dem Herrn Ober.

Alles ist alt und sporadisch zusammengestückelt. So ein richtig stimmiges Ambiente kann da nicht entstehen. Der Versuch ein bisschen Neuzeitliches in die Gasträume zu bringen ist nicht so gut gelungen. Es ist ein Gasthaus am Land. Die 70er wurden sporadisch überpinselt. Aber ländlicher Charme kommt da nicht auf. Dafür aber zum Glück auch nicht der gehypte Landhauskitsch.

Die „modernen“ Stühle passen nicht ganz in die gastronomische Welt aber bequem sind sie. Gepolstert. Der originelle (und funktionstüchtige) Wurzlitzer bei der Schank geht eigentlich genau in die richtige Richtung, nur wurde der Kurs (vielleicht: noch) nicht konsequent beibehalten. Schade.

Ansonsten kann man sich schon wohlfühlen. Vor allem die Stammgäste wissen, wie sie sich’s dort gemütlich machen. Kinder bekommen den halben Bestand vom Toys’r Us-Lager und für die Bildung ist mit ausreichend altersgemäßer Literatur auch gesorgt.

Die Unterhaltung der höheren Altersklasse findet hauptsächlich im Schankbereich statt, dort dürfen nämlich die Lungen anständig geräuchert werden. Die Leber wird mit bestem Wein und sicher auch mit Bier, sowohl vorne als auch hinten im Gasthof bedient.
Nur auf’s Wasser wird gerne mal vergessen. Aber auf Nachfrage spät aber doch noch gebracht. Gedeck gibt’s auf Nachfrage – steht in der Speisenkarte. Wir fragen nicht danach und bekommen ein Körberl an den Tisch.

Selbstgebackenes aber gestriges, bröseliges Bärlauch-Weißbrot (€ 3,20). Und eine vorgestrige alte Baguette-Scheibe hat sich auch noch ins Körberl verirrt. Die macht einen ganz schlechten Eindruck auf uns. Auch schade.

Aber beim Aperitif ist man sehr bemüht. Die sehr gepflegte Dame hat auch eine Idee für was „Nicht-Prickelndes“ und für was „Fruchtiges“. Wir bekommen einen Aperol-Still mit Weißwein (3,50), einen Sekt mit Holunderblütensirup (3,10) und einen Frizzante pur (3,50) für die unkomplizierte Einheimische.

Der flinke Herr Ober erzählt uns ein bisschen was von jenen Speisen, die heute nicht auf der Karte stehen und der Vollblut-Wiener schlägt dabei auch gleich voll zu. Er will zur Vorspeise die Tafelspitzsulz (7,20) in Zwiebel-Kernölmarinade und als Hauptgang den gebratenen Seeteufel mit Ricotta-Ravioli und Orangenbutter (26,00). Mutter und Tochter sind sich einig und haben’s schwarz auf weiß: gebratene Jakobsmuscheln auf Erbsenpüree (15,00) und als Hauptgang Rinderfilet (28,00). Nur bei den Beilagen, verweigert die Tochter die Gänseleber, das Kartoffelrisotto und die Rotweinzwiebel. Sie will lieber: gebratene Kräuterseitlinge und Speckgnocchi.

Und alle kriegen was sie wollen. Nur noch nicht die Nachspeise. Die will die wendige zierliche Frau erst später von uns wissen. Aber Wein, darf schon jetzt sein.

Wir werden von der Dame gut beraten. Kompetent ist sie auch noch – die Frau vom Chef. Hat alles gut im Griff. Der deutsche Rotschiefer-Riesling 2013 van Volxem (37,00), hat einen stolzen Preis, passt perfekt und schmeckt uns allen wirklich gut zur Vorspeise. Der nichtschwimmende Fischesser trinkt dann die Flasche alleine aus.

Neben dem Wein schmeckt uns auch das Essen gut. Die Jakobsmuscheln top gebraten. Feine helle Röstkrusten. Glasige Mitte. Seidiges Erbsenpüree. Leicht süß. Stimmig mit der Jakobsmuschel und als Überraschung dazu: getrüffelter Schaum. Ja leider Aroma, aber wir sind ja die Trüffelöljunkies. Also gern her mit dem Stoff aus dem Chemielabor. Wir stehen drauf.

Die Tafelspitzsulz wird restlos aufgegessen. Ohne Brot. Zum einen, weil’s einfach alt ist und zum anderen weil das Bärlauchbrot nicht mit der Kernölmarinade und dem rohen scharfen Zwiebel kann. Da hätte pures Weiß- oder Roggenbrot sicher besser gepasst. Auch ein schlichtes Mischbrot. Man hätte die Marinade noch auftunken können. Aber nein, das kam nicht dazu. Das teure Kernöl versuppt am Teller.

Ein Koch mit zwei Hauben könnte mit Sicherheit, den Zwiebel auch ganz kurz blanchieren, damit er nicht so penetrant ist. Aber auch hier: nein. Der plumpe Zwiebel bleibt auf der Zunge – über den Hauptgang und auch die Nacht hindurch. Schade.

Vor allem wenn man als nächstes einen Seeteufel mit Ricottaravioli und Orangenbutter bekommt. Da macht der rohe Vorgänger-Zwiebel dem Geschmackserlebnis einen Strich durch die Rechnung.

Das Gericht duftet leicht nach Orange, die Ravioli aus zartem dünnen Nudelteig. Die Füllung schimmert leicht durch. Der Seeteufel hat sich zusammengekringelt, starr vor Hitzeschock und ausgetrocknet. Keine Spur von glasig oder zart. Festes Fleisch hat er von Natur aus. Aber der ist: Nur noch fasrig und zäh. Schade um den guten Fisch. Gegessen wird er natürlich trotzdem. Die saftigen Ravioli und die Orangenbutter helfen dem Fisch auf dem Weg zum Ziel.

Das Filetsteak dagegen ist top. Mittelroh und medium sind gut getroffen worden. Das Filet war eher ungewöhnlich niedrig (2,5 cm) dafür großflächig. Trotzdem kräftig angebraten mit ordentlichen Röststellen. Gut gewürzt. Und super zart. Wir sind sehr zufrieden. Auch mit dem Wein: Heideboden (4,50). Treffende Empfehlung von der Wirtin. Da versteht es jemand eine Weinauswahl für seine Gäste vorzubereiten. Gut Vorselektiert, wir sind uns sicher, da trifft jeder Gast immer die richtige Wahl.

Die Beilagen zum Steak sind recht gelungen. Vor allem die selbstgemachten Gnocchi. Die Erdäpfel schmeckt man, Biss haben die keinen. Das ist auch gut so. Weich, zum Zerquetschen, damit man die Sauce restlost vom Teller tunken kann. Aber überhaupt nicht gatschig. Eigentlich perfekt. Die kleinen unterschiedlichen Nockerl wurden mit dem Speck in der Pfanne geschwenkt und brauchen eine gute Steaksauce. Am Teller war sie. Bis daher alles: genießbar.

Die Kräuterseitlinge wiederum sind optimierungsbedürftig. Sehr stark angeröstet, aber das lässt die schnell zäh werden. Kauen ist dann nicht mehr unbedingt einfach. Eher mühsam. Langsamer braten, leicht schmoren lassen tut den Seitlingen besser. Und Kräuter würden denen auch gefallen. Aber leider nein. Da waren keine. Der dicke Pilzstiel einfach nur in runde Scheiben geschnitten, das geht optisch auch schöner. Aber trotzdem: essbar.

Das andere Filet wurde mit Gänseleber getoppt. Ob gestopft oder nicht haben wir erst gar nicht gefragt. Die semiprofessionellen Tierschützer haben das Kosten verweigert, aber die Gänseleber wurde von der Besitzerin restlos und genüsslich verspeist. Dass die ordentlich angebraten war, war auch nicht zu übersehen. Das hat den Geschmack sicher gehoben. Das Erdäpfelrisotto war mit Emmer- oder Rollgerste gestreckt und war schön patzig. Rotweinzwiebel fruchtig, kräftig, würzig. Die haben nicht nur dem Filet sondern auch der Gänseleber gut getan.

Jetzt ist es so weit. Wir haben brav aufgegessen und jetzt dürfen wir was zum Naschen bestellen. An dem Abend sitzt die stammesälteste Brotfräse am Tisch und die hat sogar das altbackene Bärlauchbröselbrot vernichtet – die schafft jetzt auch keine Nachspeise mehr. Die nächste Generation Brotvernichter aber schon: einmal Topfennougatknödel auf Beerenkompott und einmal die Powidltascherl auf Marillenröster. Es wurde mündlich vereinbart, dass beide Nachspeisen halbe/halbe gegessen werden.

Leider hat dieBrotvernichterin sich das nicht schriftlich geben lassen. In schaufeleile waren die 3 zierlichen Topfennougatknödel verschwunden. Nur einen letzten Minibissen konnte man zum Kosten noch ergattern. Und sie hätte gern, die eineinhalb versprochenen Knöderl gehabt. Diese cremige, zartschmelzende, schokoladig nussige Nougatfülle, der zarte Topfenteig und die süßen Brösel waren unschlagbar. Das Beerenkompott war da einfach zu sauer. Das hätten wir nicht gebraucht. Aber es ist am Teller, es ist süß also wird’s auch gegessen.

Eine wahre Frau steht zu ihrem Wort und teilt trotz Vertragsbruch ihr Dessert. Das muss Liebe sein. Die Powidltascherl haben auch süß knusprige Brösel abbekommen. Feiner dünner Teig, süße mollige Powidlmarmelade drinnen. Genau richtig dosiert. Der Marillenröster war eigentlich zu viel des Fruchtigen. Aber viel zu schade, wenn wir den versäumt hätten:

Der Marillenröster war ein geschmacklicher Volltreffer. Mehr geröstete Marillenaromatik geht nicht mehr. Leichte Säure. Starke Frucht. Ordentlich Zuckerausgleich. Besser geht’s nicht. Außer wenn da noch ein Kaiserschmarrn dazu kommt. Das wär‘ ein schönes Paar. Aber leider, der steht (noch) nicht auf der Karte.

Vielleicht tut sich da noch was. Vielleicht kommt mal Musik aus dem Wurlitzer. Eins ist sicher: Kochen kann er der behaubte Koch. Für 2 Hauben geht da aber noch mehr finden wir. Wer weiß, vielleicht kommt da noch mehr Stil rein. In die Räumlichkeiten, ins Küchenfeintuning und in die Speisenkartengestaltung. Weil wir finden ja, dass ein Thunfischcarpaccio mit Mango nicht zum Landgasthaus passt, oder?

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Kommentare (1)

am 22. März 2015 um 18:40

Gar nicht bös Helmuth, wir nehmen es als Kompliment und ich bin sehr froh, dass die Tochter wie die Mutter ist und umgekehrt - Humor haben wir übrigens gaaaanz viel!

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