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Mi, 24. Juli 2024

Lingenhel, Wien - Bewertung

am 21. Juni 2017
SpeisenAmbienteService
Etwas ruhig ist es mittlerweile geworden ums Lingenhel, vor einem gefühlten Jahr hörte man ja fast täglich etwas von Wiens einziger Käserei, dem wiehernden Amtsschimmel und den damit einhergehenden Problemen mit der Restauranteröffnung. Die Dinge die wir bisher gehört hatten waren durchaus positiv, auch sind wir wirkliche Käse-Fans, einem Besuch zu Fünft stand also nichts im Wege.

Beim Betreten des Lokals ist man erstmal etwas unsicher, betritt man doch in erster Linie einen Feinkostladen. Ein sehr hübsch gestalteter und ansprechender Feinkostladen wohl gemerkt, mit einer riesigen Käsebudel und allerlei feinen Köstlichkeiten. Im eher hinteren Bereich befindet sich dann das Restaurant, besser müsste man eigentlich sagen ein durch eine Art Kettenhemd abgetrennter Bereich, in dem sehr stylisch und modern einige Tische platziert waren. Die Trennung zum Feinkostgeschäft war aus unserer Sicht in Ordnung, so wirklich 100%ige Restaurantfeeling kam aber auch nicht auf. Hinzu kam, dass das Lokal an dem Abend irgendwie auch komplett leer war, der Boom scheint etwas verflogen zu sein, man muss dazu aber sagen, dass es die Meisten bei Temperaturen um die 30° dann eher in einen Gastgarten zieht…

Die Begrüßung durch das Personal war sehr freundlich, sehr bemüht, gut: Allzuviel war ja halt auch nicht zu tun. Unentschlossen war ich ob ich das hartnäckige „Du“ dann tatsächlich dem Ambiente entsprechend fand oder nicht. Bestehe grundsätzlich nicht auf ein „Sie“, es muss halt dann aber auch Alles stimmig sein, war hier vielleicht nicht 100%ige gegeben. Nachdem sich Alle eingefunden hatten und sich die erste Begrüßungs-Schnatterei gelegt hatte, begannen wir die Karte zu durchstöbern. Diese ist in 5 Bereiche geteilt: Kalt – Vorspeisen – Dazwischen – Hauptgang – Dessert. Ein Degustationsmenü oder einen Menüpreis gab es nicht, es konnte lediglich a la carte bestellt werden. Und da machten wir einen Fehler: Wacker bestellten wir uns durch alle Gänge der Karte, fünf Gänge, normalerweise Nichts, was einen an die Limits treibt. Offenbar war die Karte aber dann eher auf 2-3 Tage ausgelegt, die Portionen waren dann schlicht zu groß, sodaß wir froh waren, das Dessert noch nicht vorab bestellt zu haben und dieses damit auslassen durften.

Begonnen habe ich mit einem Beef Tartare „deconstructed“ (Ja: Auch das kann man „deconstructed“ präsentieren…): Eine Schüssel für mein Gefühl sehr grob gehacktem Rindfleisch, angerichtet mit klein gehacktem Zwiebeln, Anchovies, Kapern und Gurkerl, darauf ein konfierter Eidotter. Ich wurde dann gefragt, ob ich alle Zutaten auch mochte (hmm, hätte man halt vorher auch fragen können…), danach wurde direkt live und in Farbe das Tartare zu einer homogenen Masse verrührt. Gespannt nahm ich den ersten Bissen - und war dann doch etwas enttäuscht. Zu grob fühlten sich die einzelnen Zutaten an, zu wenig fügten sie sich irgendwie zu einem Geschmackserlebnis zusammen. War mehr so als ob man erst ein paar Bissen rohes Fleich, dann ein paar rohe Zwiebeln, dann ein paar klein geschnittene Gurkerl auf der Gabel hätte. Für soviel Zirkus, schmeckte das Beef Tartare dann auch überraschend ungewürzt. Nicht schlecht, nette Idee, aber habe ich schon zigmal deutlich besser bekommen.

Nächster Gang: Burrata mit Passionsfrucht und Radieschen. Für mich der beste Gang des heutigen Abends: Die Burrata sehr gut und cremig aus der hauseigenen Manufatkur, die Passionsfruchtcreme sehr intensiv (für manche sicher zu sauer und intensiv) und dazu feingehobelte Radieschen. Richtig gut und harmonisch, allerdings ein riesiger Gang, hier hatten manche von uns schon zum ersten Mal zu kämpfen.

Dazwischen gab es für mich eine geeiste Gurkensuppe mit Dille sowie ein paar Klecksern Schafskäse. Der Hitze entsprechend ein sehr stimmiger und runder Gang, sehr erfrischend, sehr leicht. Mit feiner Dillnote, schönem frischen Gurkengeschmack, Lecker!

Als Hauptgang gab es dann für mich Hendl mit Heurigen, Spargel und Hollondaise: Knusprig gebratene Hendlbrust mit gebratenem weißen Spargel, Heurigen Erdäpfeln und Sauce Hollondaise. Leider ein etwas verunglückter Gang aus meiner Sicht: Das Hendl viel zu würzig mariniert, da nutzt die Tatsache, dass es perfekt gebraten war und schön knusprig außenraum dann leider auch nicht mehr viel. Der Spargel noch schön knackig und leicht karamelisiert, auch die Holondaise nicht schlecht. Dazu die Eräpfeln, schön gebraten, Erdäpfeln halt.

Zum Dessert hat es dann leider nicht mehr gereicht: Die Portionen war einfach zu groß um sich überall durchzukosten, was schade war, aber wenn es nicht mehr geht, dann geht es halt auch nicht mehr.
Die Weinkarte kann ich nicht im Detail beurteilen, da ich an diesem Abend nicht verantwortlich war für die Weinauswahl, dürfte aber solide ohne die ganz besonderen Dinge gewesen sein. Preislich lagen wir mit € 550,00 für 5 Personen zwar noch unter aber zumindest in Richtung Schmerzgrenze.

Nicht ganz so sicher, wie der Abend zu bewerten sei, haben wir das Lingenhel dann verlassen. Ich mag nach wie vor die Idee der Käserei in Wien, dafür war mir das Menü dann halt leider etwas zu wenig käselastig. Das Ambiente ist durchaus bemüht gemütlich gestaltet, so richtig das Gefühl in einem kleinen Bistro zu sitzen wird man dann aber nicht los – und auch die Preise passen dann nicht so ganz. Das Service irgendwie betont lässig, was grundsätzlich kein Problem ist, hier aber auch nicht 100%ig stimmig war. Die Speisen durchwegs solide und gut gekocht , aber halt auch nichts übertrieben Aufregendes dabei. Aber einfach mal selbst ausprobieren, vielleicht aber im Winter, dann ist man vermutlich nicht ganz so allein!
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