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Sa, 20. Juli 2024

Bistro Roots, Wien - Bewertung

am 5. April 2017
SpeisenAmbienteService
Ein neues Lokal in der Schönbrunnerstrasse, sonst eher eine Gegend wo man, wenn man gut essen will, eher eingeraucht und zugeschallt wird. Hier erfreulich anders! Das Ambiente ist wirklich stimmig. Von außen eher unscheinbar, wirkt es innen wirklich heimelig. Perfekt arrangiert, nicht zu viel, nicht zu wenig, auch das Licht angenehm, dazu wirklich schöne (und nicht zu laute) Musik. Die (echten) Kerzen sind zwar schön, verbrauchen aber auch Sauerstoff - generell ist es im Lokal eher warm. Dennoch, ein Platz an dem man sich sofort wohlfühlt. Dazu tragen auch die Besitzer bei - man wird sofort umsorgt, nicht aufdringlich aber immer aufmerksam.
Das Bier (Osterbock vom Wiedner Bräu) kam überraschenderweise im Weinglas, ja ich weiß das ist „in“ und zugegeben mache ich das sogar manchmal zu Hause mit gewissen IPAs. Nur dachte ich zuerst, da is aber wenig Bier drinnen, war dann aber darum ganz froh, den dieses Bier ist extrem würzig, also nicht wirklich süffig (muß man mögen, solche „flüssigen Lebkuchen“). Besser ist es ohnedies zum Wein zu wechseln, denn der ist hier wirklich toll und vor allem etwas ganz anderes, als das was man eh sonst immer bekommt. Rotwein aus Tschechien, Weißwein aus der Slowakei (ganz toll exotisch nach reifen Mangos schmeckend), und ein ganz großartiger Roter aus Verona (weitab vom üblichen Valpolicella Saft). Vor allem (was die meisten Lokale falsch machen) super temperiert: der Weißwein nicht zu kalt, so dass er seine Aromen entfalten kann und dafür der Rotwein perfekt kühl. Großes Kompliment an den Sommelier! Einziger Wehrmutstropfen ist, dass man diese tollen Weine nur als Sechzehntel eingeschenkt bekommt (ich bin kein Vogel und habe von einem guten Wein schon manchmal gerne auch etwas im Mund). Meinen Gedanken, dies in der Bewertung zu bedauern, hat der Sommelier scheinbar gelesen denn er hat mir gleich großzügig nachgeschenkt, auch bei den späteren Gängen, was mehr als Ok ist.
Bei den Speisen selbst, jetzt wird es kompliziert, kann man zwischen zwei Drei-Gang Menüs wählen oder von einer kleinen Karte selber etwas zusammenstellen. Mich hat das eher verwirrt, auch fand ich die Zusammenstellung der Menüs nicht so sehr stimmig. Ja, der Koch wird sich schon etwas gedacht haben und als Koch will man das dann rüberbringen. Ich finde es dennoch besser, dem Gast hier mehr Wahl zu lassen, Geschmäcker sind sehr verschieden.
Bei den einzelnen Speisen selbst kann ich generell die obige Begeisterung leider nicht ganz halten, wie soll man sagen, auf britisch würde ich meinen „it does not really live up to the expectations“ – und vor allem nicht zu den Preisen, aber dazu später. Weil wir bei britisch waren, das Konzept ist wohl auch von dort beeinflusst, nämlich die Zutaten in den Vordergrund zu stellen und möglichst wenig mit Beigaben und Gewürzen (oder gar Saucen!) zu übertönen. Dagegen wäre ja prinzipiell nichts einzuwenden, obwohl ich es besser fände die – übrigens wirklich tollen – Grundprodukte in ihrem Geschmack eher hervorzuheben als bloß zu belassen (ich weiß im Prinzip wie eine Kohlrabi oder eine rote Rübe ungewürzt schmeckt). Ein Harald Irka schafft so etwas wirklich vorzüglich (und für seine Gaumenfreuden bin ich auch bereit entsprechend zu zahlen), hier funktionier das leider (noch) nicht. Zudem wirken die Speisen in sich irgendwie nicht so stimmig, die Kompositionen schmecken wie ein unfertiges Bild wirken würde. Alles gut gemacht, keine Frage, man hat aber immer das Gefühl, es fehlt ihnen irgendetwas Verbindendes.
Im Detail gab es als amuse-bouche ein luftiges (aber nicht aufregendes) Humus mit –wirklich guten – ofenwarmen Gebäck. Bei den Vorspeisen war das geräucherte Forellenfilet wirklich einmalig (und definitiv das Highlight des Abends) – äußerst aromatisches und saftiges Fleisch! Die Rote Rübe, roots farm war optisch äußerst gekonnt komponiert, litt aber geschmacklich unter dem bereits oben angesprochen Einschränkungen (den Essig, den es zum Abschluss gab hätte ich besser in die Rüben investiert gehabt). An den Tisch kommt übrigens auch Brot vom Felzl und Olivenöl vom Gegenbauer. Als Zwischengang entpuppt sich das „risooto al salto“ als ein geröstetes Risottolaibchen, das optisch eher nach Kartoffelpuffer aussieht, mit dünnen auf der Zunge zerschmelzenden Mangalizaspeckscheiben darauf, die dieses Gericht geschmacklich retten (das sogenannte Risotto kann eher wenig, die Käsesauce dazu ist aber stimmig). Die gegrillte Lammkrone war leider aus – die am Nachbarstisch sah wenig gegrillt dafür sehr blass und vor allem innen sehr rosa aus (über den Geschmack kann ich leider nichts sagen). Dafür wurde mir Leber vom Angus Rind empfohlen, das waren dann zwei kleine durchaus fachmännisch angebratene „Ziegeln“, eher bissfest aber trotzdem von guter Textur. Wenn man den Geschmack nackter Leber mag, ok. Ein wenig Unterstreichung durch etwas reduzierten Jus wäre schön gewesen (passt aber wie gesagt nicht ins Konzept). Ganz großartig dafür was das Rotkraut, nur war es bloß in homöopathischen Dosen vorhanden – davon hätte ich mir echt einen guten Schöpfer gewünscht! Das Pastinakenpüree war durchaus fein und hätte damit die Leber gut ummalen können, wäre es nicht ebenfalls so sparsam portioniert worden. Generell würde ich mir bei den Beilagen etwas mehr wünschen (vor allem in dieser Qualität!) denn auch beim – sonst sehr zarten – Hühnerfilet waren Mangold und Kohlrabi wunderbar schonend zubereitet aber zusammen mit dem bisschen roten Zwiebel eher dürftig (eher etwas für low-carb Asketen). Dann gab es, warum auch immer, zwei Pasteur-Pipetten mit Gegenbauer Essig (siehe oben). Das Schoko-Dessert stellte sich als nicht wirklich warme Schokorippe mit etwas Schaum (Jogurt), hauchdünner Birne und irgendwelchen Krümeln (Kekse?) dar – leider nicht soo aufregend.
Damit zu den Preisen und die sind doch für das Gebotene meiner Meinung zu hoch angesetzt. Die Portionen sind nicht wirklich groß und für die gut 125 Euro zu zweit bekomme ich anderswo (vergleiche das jetzt mal mit dem Wolf oder dem Tancredi, die ja nicht unweit sind) auch qualitativ mehr und habe ein zufriedeneres Gefühl. Die Produkte sind hier sicher wirklich hochwertig, andererseits haben wir hier kein Filetsteak, Thunfisch oder ähnliches gegessen und rote Rüben, Hühnerfilet, und Leber sind jetzt nicht so exklusiv dass es diesen Preis rechtfertigt. Wie gesagt, wenn das Dargebotene so außergewöhnlich wäre, bin ich gerne bereit den Preis dafür zu zahlen. Hier stimmt aber meiner Meinung die Abstimmung noch nicht wirklich (ich bin auch nicht sicher ob dieses Konzept hier langfristig funktionieren wird). Zudem ist die Schönbrunnerstasse sicher auch keine leichte Location und obwohl so nah, von der Margareten- und Operngasse flairmäßig weit entfernt (dort würde man das Lokal eher vermuten, für den Mut also einmal großes Lob). Im Fazit wäre ich vor allem ob der symphytischen Betreiber, dem stimmigen Ambiente und der großartigen Weine dem Lokal doch recht gewogen und hoffe man kann etwas am Konzept feilen und adjustieren, das Potential ist jedenfalls vorhanden und ich werde es weiter im Auge behalten.
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