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Steirereck im Stadtpark - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 10. April 2015
Experte
langnan
58
16
21
4Speisen
5Ambiente
5Service

Meine Frau und ich feierten unseren dritten Hochzeitstag, im Volksmund nennt man ihn auch den "Lederhochzeit", abgehärtet und widerstandsfähig. Für diesen Anlass darf es schon was Besonderes sein und wir entschlossen uns das weltbekannte Steirereck auszuprobieren.

Für das feine Essen habe ich eigentlich bis dato keine große Vorliebe. Ich war der Meinung, dass eher die Augen speisen und der Magen nicht richtig satt werde. Aber nun bin auch schon in den Jahren gekommen, der Appetit ist nicht mehr so groß wie früher, deshalb sollte man sich auch ab und zu was Feines gönnen. ;p

Der Tag startete unschön, regnerisch mit einer Brise Wind. Wir hatten einen Tisch für 12 Uhr bestellt und kamen pünktlich. Eine Dame (später wusste ich, dass es die Frau Birgit Reitbauer war) empfang uns an der Eingangstür, die Kleidungen und Schirme wurden vom Herrn Brotsommelier (wusste ich zum Zeitpunkt auch nicht) abgenommen und wir wurden zum Tisch geführt.

Kurz erwähnt, die Architektur vom Steirereck ist auch recht innovativ. Von der Vogelperspektive gesehen wäre das gesamte Objekt vergleichbar mit einer Hand, wobei der Neubau den Fingern ähnelt. Bei der Planung hat man wohl extra darauf geachtet, dass der Gast weniger das Gefühl hat in einem Großraum zu sitzen. Jeder Tisch hat ein eigenes Areal, welches sich wie ein Fingerglied vom restlichen Teil des Raumes mehr oder weniger abgrenzt. Die übergroßen und mobilen Fenstern bieten optisch eine Erweiterung des Raumes in Verbindung mit dem Park. Trotz des Regenwetters war es sehr schön.

Weiter zu unserem Besuch. Während die Speisekarte gebracht wurden haben wir auch schon das Wasser bekommen. Einmal mild für meine Frau und ich hatte einmal prickelnd (Vöslauer), beide kosten 7,9€. Frau Reitbauer schenkte uns ein und erklärte, dass das milde Wasser rein mit Sauerstoff angereichert wurde. Als Aperitif hatten wir Sekt (12€) und Rosé Champagne (18€).

Zum Essen hatte meine Frau das 4-Gang Mittagsmenü (78€) und ich das 5-Gang Menü (88€) und zum Hauptgang baten wir um eine Weinempfehlung. Nach der Bestellung suchte meine Frau die Toilette auf, angeblich sollte im Steirereck eine sehr bunte und künstlerisch gestaltete WC-Anlage geben. Während dieser Zeit bemerkte ich, dass unter dem weissen Tischtuch "Alles Gute zum Hochzeitstag" stand. Wirklich eine nette Überraschung, sofort das Handy gezückt und habe ein Foto gemacht. ^_^

Die bunte Toilette hat meine Frau leider nicht gesehen und die Herrentoilette sah auch ganz anders aus als vorgestellt. Nach dem Essen erfuhr ich von den Mitarbeitern, dass die Toilette umgebaut wurde. Wieso? Keine Ahnung, ich werde diese jedenfalls nicht mehr sehen können. T_T

Das Gedeck kostet pro Person 6€, eigentlich gar nicht teuer wenn man bedenkt, was einem angeboten wird. Es gab drei verschiedene Sorten Butter: klassisch cremig, Süßmais und Paprikabutter (da bin ich mir nicht mehr so ganz sicher). Der Brotwagen war stolz gefüllt und es war etwas schwierig dem Brotsommelier zu folgen, während er wie aus der Pistole geschossen die diversen Brote präsentierte. Zum Glück konnte ich ihm noch folgen und wir probierten beide jeweils drei verschiedene Sorten: Sesam, Dinkel-Vollkorn, Veilchen, Speck, Karotten und Blunzenbrot. Das Blunzenbrot war spitze, meint jedenfalls meine Frau. Speck und Dinkel-Vollkorn waren auch prima. Die Butterstücke waren sehr groß und es war nicht möglich alles aufzuessen, es sei man belegt das Brot auf den Butter.

Als Vorspeise hatte meine Frau den Mariazeller Saibling und ich den Wildschweinkopf. Der Saibling wurde vor unseren Augen mit 80°C heißem Bienenwachs übergossen. Man erklärte uns, dass der Fisch so besser seinen Geschmack behält und nichts geht verloren. Nach der Garzeit wurde der Fisch in die Küche gebracht und mit gelber Rübe, Pollenkaviar, saurem Rahm und geliertem Rüben-Soucco serviert. Der Wildschweinkopf war gekocht und gesulzt, mit Ananas-Senf, roh marinierte Purple Haze Karotte und knusprige Buchweizen serviert. Der Fisch gefiel meiner Frau äußerst gut, innen noch medium, von der Konsistenz her zart wie Kaviar. Mein Wildschweinkopf war ebenfalls sehr gut.

Während die Vorspeise abserviert wurden hatte ich eine Frage. Wieso haben die anderen Tische, auch diejenigen, die später als wir kamen, einen Gruß aus der Küche mit einem ganzen Stangensellerie und diversen kleinen Speisen bekommen und wir nicht? Am Anfang dachte ich noch, vielleicht gibt es zum Menü so was nicht? Beim Zwischengang fragte ich den jungen Mann ob es auch so wäre. Er war recht verwundert, dass niemand bei uns gewesen wäre und ging in die Küche zur Prüfung. Als wir fertig mit dem Zwischengang waren kam er zurück, entschuldigte sich bei uns, meinte es wäre ein neues System in der Küche und man habe uns vergessen. Zur Entschädigung hat er uns angeboten etwas Dessert zusätzlich anzubieten, ich war einverstanden.

Der Zwischengang, geschmorter Junghahn für meine Frau und gebratene Äsche für mich. Der Junghahn war mit Ahornsirup und Chili geschmort, einwandfrei. Dazu gab es geröstete Walnüsse, Rollgerste und gegarte Rhabarber. Mit meiner Äsche war ich nicht so zufrieden. Man sagt, Äsche sei die Königin der Speisefischen, nach dem Garen hätte sie eine thymian-artige Duftnote. Diese Erfahrung konnte ich leider nicht machen, dafür war sie leicht versalzen. Die Haut war schön kross gebraten, serviert mit Goldrübe, Kaki-Creme und Salzkapern.

Als Hauptgang hatte meine Frau das Pogusch Lamm und ich das Milchkalb. Zum Lamm gab es zweierlei Fleisch, einmal knuspriger Lammbauch und gebratener Lammrücken. Der Lammrücken war medium gebraten, besonders saftig und das Fleisch grenzt an knackig (ich durfte probieren), aber sehr gut kaubar, Respekt! Das Milchkalb schmeckte auch sehr gut, zart, gut duchgeschmort, aber es mangelt nicht an Konsistenz. Zum Essen hatten wir "Das große Glück" 2010 vom Weingut Follner. Ein gemischter Rotwein aus vier Rebsorten, leicht kräftig und fruchtig, wunderbar sanft im Gaumen mit einem seidigen Abgang. Einen herzlichen Dank dem Herrn Wein-Sommelier.

Mein vierter Gang war eine Käseplatte. Eigentlich hatte meine Frau keinen Käse bestellt, aber man war so freundlich und ließ sie auch probieren. Wir ließen uns was empfehlen, für mich mild bis leicht würzig und meine Frau nur mild. Ich kann mich jetzt nur an einen Camembert und Blauschimmel-Käse erinnern, beide sehr gut. Der Brotwagen kam auch wieder vorbei und fragte nach unseren Wünschen. Blunzenbrot war leider aus....und ich habe ihn noch nicht probiert. T_T

Zum Dessert gab es eine richtige Überraschung. Bestellt haben wir einmal Knusprige Fritatten mit Mispeln & Mispelkern-Eis und warme Trinitario-Schokolade
mit Ananas-Pericon-Sorbet & Kokos Makronen. Dazu kamen drei Portionen Dessert aus der Küche extra, Mohnnudeln mit Zwetschkenröster-Eis, Eingelegte Calamansi mit Frischkäse, Melasse & Walnuss und Eingelegter Rhabarber mit Holunder & Kokos Röstmalz-Eis und Karamellmalz-Eis, der Tisch war randvoll. Als der Herr Ober sagte, das sei die "kleine Wiedergutmachung" musste ich lachen und meinte, das wäre eine sehr große Wiedergutmachung, eher eine Großzügigkeit.
Auf die Süßspeisen möchte ich nicht mehr näher eingehen, obwohl geschmacklich nicht zu süß schoss der Zuckerspiegel sicher in die Höhe und meine Bauchspeicheldrüse fluchte. Trotzdem hat es uns super gefallen.

Als Abschiedgruß gab es diversen Citrusfrüchte-Chips aus der Orangerie Schönbrunn mit einer Schälchen Citrusfrüchte-Salat. Leicht süß, säuerlich und etwas bitter, erfrischend nach dem Essen.

Bezahlt haben wir im Ganzen 260€ inklusive Trinkgeld. Üppig, aber für den Hochzeitstag und das gebotene Essen samt Service durchaus passend. Beim Verlassen des Lokals war das Wetter auch wieder sonnig, ein krönender Abschluss.

Fazit: Ein tolles Restaurant, Zutaten für die Speisen waren qualitativ erstklassig, der Geschmack war auch sehr gut. Das Steirereck hat auch meine Ansicht über's feine Essen verändert. Sowohl das Auge und der Magen waren satt und glücklich. Vom Preis her vielleicht nicht für den normalen Alltag, aber wenn es einen besonderen Anlass gibt, dann ist man hier sicherlich richtig.

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Kommentare (3)

am 11. April 2015 um 00:24

Ein schöner Bericht, danke!
Auch wenn es einem auf den ersten Blick vielleicht nicht so vorkommt, ist EUR 130 für ein recht umfangreiches Essen in einem der besten Restaurants eines mitteleuropäischen Staates eine Okkasion. Wir sind in der Hinsicht verwöhnt! (In Paris kann man das leicht für eine Vorspeise bezahlen.)
Ich verstehe Deine Milchkalbstrauer. Für einen empfindsamen Menschen können manche Aspekte der Großen Küche belastend sein.
Ein bißchen schade finde ich, daß anscheinend auch Herr Reitbauer nichts besseres mit einer Äsche (stimmt: kann ein ganz wunderbarer Fisch sein) anzufangen weiß, als sie in heißes Fett zu werfen.
Dennoch: Ich muß mal wieder zu sparen anfangen...

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Experte
48
22
am 10. April 2015 um 20:13

Danke StephanS. Das Essen war wirklich gut. Nur beim Milchkalb hatte ich nachher ein schweres Herz, ein 4 Wochen altes Kalb nur mit Milch und Eier gefüttert. Auf dem Kärtchen vor dem Hauptgang was es jedenfalls so beschrieben. Unklar ob das Tier nur vier Wochen gelebt hat, wenn ja, dann war es für mich eine unnötige Völlerei.

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Experte
58
16
am 10. April 2015 um 18:15

toll geschrieben - man fängt beim Lesen fast zu sabbern an ;-)

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Experte
54
8
Steirereck im Stadtpark
Am Heumarkt 2a
1030 Wien
Speisen
Ambiente
Service
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