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Hill - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 15. März 2015
FloV
10
40
9
4Speisen
3Ambiente
3Service

Es kann nicht jeden Tag Haubenküche sein, aber 2-3 mal die Woche ist schon Pflicht (zumindest wenn es sich um die Restaurantwoche Wien handelt). Wenn ich dazu dann noch nicht einmal den Bezirk verlassen muss, herrlich!

So fiel unsere Wahl auf das Hill in der Sieveringer Straße 137 in 1190 Wien.

Von aussen unscheinbar, strahlte uns beim Näherkommen, vom Interieur des Lokals, aber das französische Licht in unsere eingeschüchterten Äuglein.

In vorfreudiger Anspannung betreten wir das Lokal, wo wir sogleich freundlich von einem kompetenten Kellner in Empfang genommen und professionell unserer Jacken entledigt werden. Anschliessend werden wir an unseren Tisch geleitet.

Wie bei Haubenlokalen üblich, verhält sich die Beleuchtung zur Lautstärke des gesamten Lokals direkt proportional: gedämpft.

Man hat stets das Gefühl, dass ein zu lautes Wort eine proletoide Fleischwunde in die nobel aristokratische Atmosphäre reissen könnte.

Dabei tut das Hill alles, um das Gefühl der Gezwungenheit und der noblen Einschüchterung zu minimieren: statt Perserteppichen finden wir hier kargen Parkettboden, statt Seidentapeten bloß bemalte Wände, statt Tischtüchern schlichte "Essensdackerln",statt Kellnern im Smoking, "Kumpels" in Hemden mit aufgekrempelten Ärmeln und lässiger Krawatte, "verkrampft entspannt" und selbst die Wandleuchten wurden anscheinend beim IKEA gekauft.

Das Ambiente des Hill folgt damit dem Mainstream der regionalen "Spitzengastronomie", um jeden Preis entspannt sein zu wollen (klassischer 2-Hauber): intensives Understatement, hochkonzentriert, in Reinkultur.

Aber was soll's?

Es funktioniert. Wir beginnen uns wohlzufühlen.

Schon mit unserem Aperitivwunsch stellen wir den "Koch" vor eine Herausforderung:"antialkoholisch, Bitte!" Prompt wird unserem Wunsch genüge getan, es kommt die antialkoholische Variante eines Mojitos mit Ingwer, Kostenpunkt ca. 8€ und schmeckt gut (macht aber nicht betrunken)

Das gute bei der Restaurantwoche ist, dass man sich die Qual der Wahl der Speisenfolge erspart. Mehr oder weniger, denn wie uns der charmante Kellner mitteilt, ist es möglich Zusatzgänge zu je 10€ zum Restaurantwochenmenü um 39€ hinzuzufügen.

So entscheiden wir uns, weil wir dem typischen Haubenkoch in Bezug auf die Wahl der Portionsgröße, grundsätzlich nicht vertrauen, getrieben von unserem schier unbändigbaren Verlangen nach Rindfleisch, vorzugsweise roh: "2 Beef Tartar als Zwischengang, bitte!"

Als wir nun auf die Vorspeise bzw. das Gedeck warten und ich meinen Mitesser darauf aufmerksam machen muss, dass er es doch bitte unterlassen solle die Dekoration am Tisch ( welche doch sehr schön anzusehen ist) in den Mund zu stecken, da wir uns hier in "besserer Gesellschaft" befinden und ich mich für ihn genieren muss, erwidert dieser, dass ich ein bäuerlicher Prolet sei, denn die Deko ist zum Essen da, und wir bezahlen ja schliesslich auch dafür.

Er zwingt mich das "fladenbrotähnliche" mit Nüssen bestreutes "Kunstwerk" welches wie das berühmte Schwert Excalibur in einem Stein steckt, aus diesem herauszuziehen und es zu kosten. Es schmeckt gut!, lang lebe der König!

Als mein Mitesser dann allerdings beginnt, auch an dem Stein zu knabbern, muss ich dem Ganzen, Prolet hin oder her, Einhalt gebieten und nehme ihn ihm weg.

Zum Glück kommt nun die Vorspeise:
gekühlter Erbsen Spinatbecher, Forelle, Kerbel - Minzsalat.
Für mich DAS Highlight des Abends, stellt es für meinen Mitesser, gleichermaßen begeistert, EIN Highlight dar.

Serviert in einem Martiniglas, ruht ein Stückchen Forelle, garniert mit Forellenkaviar auf einer Schicht Spinat, daruntert eine Schicht Erbsenpüree und am Grund Erbsen.

Abgesehen davon, dass die Harmonie der Elemente genial war, ergab sich zwischen den Erbsen und dem Kavier eine Art "symmetrische Seelenverwandschaft" welche sich darin äusserte, dass das Gericht mit Kügelchen begann und mit Kügelchen schloss. Genial!

Nachdem wir die Vorspeise beendet hatten, heller Aufruhr, der Kellner entschuldigt sich bei uns, und reicht uns das Gedeck, 5,40€ (zusätzlich zum Menü zu bezahlen), nach, welches vorher vergessen wurde. Gereicht wurde: herrlich zarte Butter, fantastische, getrocknete Salzkapern, rosa Salz, 2 kleine Prosciutto Röllchen und hochwertiges Olivenöl, für die ich auch gerne bereit gewesen wäre 5,40€ zu bezahlen, wären sie denn auch zeitgerecht serviert worden. Das ein eindeutiger Kritikpunkt am sonst guten Service.

Dafür aber war das dazu servierte Brot eines der Besten das wir je gegessen haben. "Wo bekommen die das nur her ?" ist die Frage die einem durch den Kopf schiesst wenn man wirklich nicht alltägliches vor sich hat. Der Mitesser meinte hierzu: "Die wahre Kunst liegt in den Kleinigkeiten."

Nächste Runde: Hill Tartar vom Wienerwald Weiderind mit getoastetem Johannbrot.

Bescheiden in der Größe präsentiert sich unser Zwischengang, garniert mit Kräutern und Salat, 5 Tupfen hausgemachter, guter Majonäse und einem Klecks Chutney welches ihm eine "exotische Currynote" verleiht: recht gut, allerdings geschmacklich zu schwach, zu wässrig, um sich gegen besagtes Curryaroma behaupten zu können, wenngleich die Qualität des Fleisches nicht schlecht war.

Das dazu gereichte Johannbrot war wiederum ausgezeichnet.

Offensichtlich ist die gesamte Brotkultur im Hill spitzenklasse!

Womit wir beim Hauptgang wären:
Knuspriger Seesaibling, weiße und grüne Bohnen, würziger Basilikumfond.
Der Fisch sehr lecker und wie versprochen knusprig, die Portion überschaubar, aber ok, und durch das Erbsenmousse von einer sublimen Gewürznote, zeigt sich das Gesamtbild dieses Gerichts eher konservativ und wenig wagemutig.

Mir persönlich waren ausserdem die Bohnen zu bissfest, eine "Problematik" die mein Mitesser geschmacklich nicht als solche empfand.

Irgendwie schien uns, der Koch habe sich auf die Qualität der Zutaten verlassen, ohne dabei ein zu großes Risiko eingehen zu wollen. (Der Fisch war aber auch wirklich Spitzenklasse.)

Der Unterschied zwischen Spitzenlokalen und Weltelite scheint tatsächlich in der Kreativität der Hauptgerichte
zu liegen....

Dessert:
Gestürtztes Topfensoufflee, Weintraubenragout, Topfen-Sauerrahmeis:

Das Topfensoufflee heiß, extrem flaumig und geschmacksintensiv, rief es beim Mitesser Begeisterung hervor.

Ich allerdings fand den Kontrast zwischen "heiß" Topfensoufflee, "kalt" Sauerrahmeis zu überbetont und lenkte vom vermutlich guten Geschmackserlebnis zu sehr ab. Reine Effekthascherei!

Der Mitesser war anderer Meinung, vor allem die Intensität des Topfeneises und die Harmonie mit dem Weinschaum, der angenehm dezent und nicht über-alkoholisch war, befand er als sehr gelungen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Hill, abgesehen von der Hauptspeise und dem Beef Tartar und einigen kleinen Mängeln im Service, durchaus das Potential gezeigt hat, in einer erweiterten, gastronomischen Elite mitzuspielen und dazu einlädt, gerne länger dort zu verweilen.

Wenn man es denn mit der Entspannungspolitik nicht so weit getrieben hätte,bequeme Fauteuils, durch zwar lässig aussehende, aber katastrophal unbequeme Holzsessel zu ersetzen. Bitte "Herr Hill" ändern sie das, denn uns tat nach 3 Stunden der Hintern weh!

Der gelungene, gediegene Abend kostete uns, trotz Restaurantwoche, 137€, Gruss aus der Küche haben wir nicht gesehen,
Auf Wiedersehen!

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Kommentare (6)

am 16. März 2015 um 00:05

Ich werde das Lokal nie besuchen, aber der Bericht war gschmackig, hervorragend, köstlich, auf den Punkt... ev einen Hauch zu lange...
Die Episode mit Schwert und Stein... 2 Hauben. Minimum!

Gefällt mir1
Experte
70
6
am 15. März 2015 um 16:11

"Ich allerdings fand den Kontrast zwischen "heiß" Topfensoufflee, "kalt" Sauerrahmeis zu überbetont und lenkte vom vermutlich guten Geschmackserlebnis zu sehr ab."

Ich bin auch kein Freund von heiß-kalten Sachen. Aber wir sind wahrscheinlich etwas ungewöhnlich.
Ich mag ja auch keine Nieren und da entgeht mir sicher etwas.

Gefällt mir1
Experte
48
22
am 15. März 2015 um 15:56

HGL!
Deine Bewertungen informieren nicht nur, nein sie amüsieren mich auch. Diese Konstelation liebe ich - bitte weiter so!

Gefällt mir2
Experte
107
33
am 15. März 2015 um 01:33

na bumm...ganz ordentlich ohne tischwäsche...oder "restaurantwochen-spezialpreis"?

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4
2
am 15. März 2015 um 01:04

...pro Person...

Gefällt mir
10
40
am 15. März 2015 um 00:51

5,40€ fürs gedeck is pro Person oder für beide?

Gefällt mir
4
2
Hill
Sieveringer Straße 137
1190 Wien
Speisen
Ambiente
Service
43
39
43
13 Bewertungen
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