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Cafe Griensteidl - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 12. März 2015
Experte
langnan
58
16
21
2Speisen
3Ambiente
2Service
6 Fotos1 Check-In

Eigentlich wollte ich mit meiner Frau zum Demel gehen, da leider kein Tisch frei war und es auch nicht so aussah, dass es in den nächsten 15 Minuten einen Platz zu ergattern gäbe mussten wir uns um eine Alternative kümmern. Das nahe gelegene Cafe Griensteidl war für uns beide bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt, Grund genug es einmal aufzusuchen.

Beim Betreten des Lokals war ich auch nicht optimistisch, sah auch randvoll aus. Kein Kellner bzw. Herr Ober weit und breit in Sicht, die haben anscheinend alle viel zu tun. Help yourself heißt die Devise und wir fanden einen kleinen, aber feinen Platz ganz hinten im Lokal. Eine halbe Minute nach dem Hinsetzen kam schon ein ca. fünfzigjähriger, beleibter Ober und fragte nach der Bestellung. Eh, keine Ahnung, wir haben noch kaum auf die Karte geschaut. "Einen kurzen Moment noch", sagte ich ihm lächelnd. Mit einem kurzen Schnaufer, vielleicht aus Müdigkeit, verabschiedete sich der Herr Ober. Wir wandten uns der Karte zu, die ist recht einfach gestaltet, ohne viel Muster oder Schi­cki­micki, macht irgendwie keinen Spaß das Ding lange anzusehen. Wir entschieden uns für einmal Latte Macchiato, einen Melange, ein Stück Griensteidltorte und einmal Schwarzwälderkirsch. Keine Ahnung wo der Herr Ober blieb, diesmal ließ er sich Zeit. Nach ca. zehn Minuten kam er zurück und stand etwas mit dem Oberkörper vorgelehnt mir schweigend gegenüber. Diese Körpersprache sollte wohl heißen "Na, seit's soweit?"? Ich sagte ihm unsere Bestellung und der gute Mann verließ mit ne' stillen Kopfnicken, ja danke auch meinerseits. Bis der Herr Ober zurückkam suchte ich die Toilette auf, war alles sauber und geruchlos. Beim Zurückgehen wollte ich die Tortenvitrine fotografieren, gerade zweimal mit dem Handy geknipst, hörte ich eine Stimme hinter mir: "Vorsicht!". Ich drehte mich rasch um, da stand unseren Herrn Ober mit einem leeren Teller in der Hand ganz nah hinter mir und wollte zur Tortenvitrine. Beim Umdrehen stieß ich ihm fast den Teller aus der Hand, der Ober war natürlich nicht begeistert und ich hatte auch keine Lust mehr auf weiteren Fotos.

Zurück am Tisch angekommen war die Bestellung schon da. Ich probierte zuerst die Griensteidltorte. Außen hatte sie Schokolade und innen einen Mürbeteig mit gehackten Mandeln. Der Teig war eher trocken, ein Portion Schlagobers dazu wäre besser gewesen. Vom Geschmack her ließ sie sich nicht eindeutig identifizieren, irgendwie fehlt ein Leitaroma bzw. ein Hauptcharakteristikum. Ich konnte die Torte nicht einmal ganz aufessen, nicht wegen der Größe, sondern weil sie einfach nicht schmeckte. Die schwarzwälder Kirschtorte war ganz in Ordnung. Der Melange hatte keine Duftnote, auch mit Zucker war er geschmacklich uninteressant. Ich habe ehrlich gesagt in den traditionellen wiener Kaffeehäuser noch nie einen so enttäuschenden Melange getrunken. Meine Frau war mit ihre Latte zufrieden.

Ingesamt bezahlten wir 17,70€ und ich gab dem Herrn Ober 20€. Nicht weil's mir hier gemundet hat, sondern eher als einen Abschiedsgruß für einen müde wirkenden alten Mann. Immerhin beim Kassieren vom Trinkgeld konnte er lächeln und ein "Danke" hervorbringen.

Fazit: Das Cafe Griensteidl wird auf Grund der guten Lage vor dem Hofburg und des weltweiten Ruhms der wiener Kaffeekultur sicher noch lange bestehen, aber (leider) ohne meine Unterstützung und Wertschätzung.

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Kommentare (11)

am 15. März 2015 um 21:07

Wenn das passiert, HelmuthS, dann wurde der Ausbildungsschwerpunkt "Wegschauen, aber richtig" vernachlässigt.

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Experte
48
22
am 15. März 2015 um 16:22

Ich erinnere mich an den lieben Herrn Hawelka (senior, natürlich!), wie er uns Schülern immer wieder unaufgefordert tablettweise Gläser voll Wasser brachte.
Tempi passati...

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Experte
48
22
am 14. März 2015 um 13:04

Die Bewertungen von langnan schätze ich sehr. Beim Lesen entstehen Bilder im Kopf, die sich zu einem Film zusammenfügen. Das ist nur möglich, weil er so bildhaft und lebendig schreibt. Auch die "Charaktere" werden sehr gut beschrieben. Dazu gehört auch die Optik. Ich kann mir was darunter vorstellen, danke langnan!

Zum Thema "alter Mann": Eines der berühmtesten Bücher der Weltliteratur heißt "Der alte Mann und das Meer". Zum Glück hatte Hemingway keine Bedenken...

Gefällt mir3
27
18
am 14. März 2015 um 10:36

@BruderBernhard,erstens habe ich nichts böse gemeint. "Alt" ist ein relativer Begriff. Mit mir verglichen war der Ober sicher viel älter, aber mit einem Siebzigjährigen wäre er sicher als jung zu bezeichnen. Wenn du schönere Synonyme hast, kannst sie mir ruhig nennen, aber bitte lasse deine subjektive Scharzmalerei. Zweitens zum Thema alt, fast alle Menschen kommen mit dem Altern, besonders in Verbindung mit dem Tod, nicht klar. Das ist sehr verständlich, weil die meisten nicht wissen, dass eigentlich nur der Körper altert und nicht das wahre Ich. Man identifiziert sich mit diesem "Schmerzkörper", deshalb verspüren viele Menschen mehr Pessimismus und weniger Lebensfreude je höher das Alter ist. Was sind die Kernpunkte des menschlichen Lebens? Eines davon ist sicher das wahre Ich zu verspüren.

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Experte
58
16
am 14. März 2015 um 07:05

Lesenswert, aber am Schluss hat es mir nicht mehr gefallen. Vielleicht, weil ich auch schon älter bin? Das war ein böser Schlenker mit dem 'alten Mann'.

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38
8
am 13. März 2015 um 11:10

Wenn schlechter Service und überteuerter untersdurchschnittlicher Kaffee immer noch ein Teil der Wiener Kaffeehaustradition ist, dann soll sie von mir aus untergehen! Schlechten Service und schlechten Kaffee bekomme ich auch zu Hause und das auch noch GRATIS!

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Experte
152
83
am 13. März 2015 um 09:15

ein grantiger Kellner - ein bestenfalls unterdurchschnittlicher Kaffee - eine Gnade bedient zu werden: Willkommen in der Wiener Kaffeehauskultur!
Ich werde nie verstehen, warum manche Leute zu Starbucks (den ich überaus schätze) meinen: "Wie kann man da hingehen - in Wien - der Stadt mit der Kaffeehauskultur": Genau wegen des von Dir geschilderten!
Mir ist ein "unehrlich freundlicher" Angestellter allemal lieber als ein "ehrlich unfreundlicher"!

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Experte
54
8
am 13. März 2015 um 08:20

Ich zweifle nicht an der Tradition vom Griensteidl, aber der Mensch lebt in der Gegenwart. Als Gast kommt man zwar durchaus wegen der Geschichte, aber der Geschmack kann davon nicht profitieren. Wenn's nicht geschmeckt hat dann werden die meisten Menschen auch keinen zweiten Besuch erstatten.

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58
16
am 13. März 2015 um 07:37

In der Zwischenkriegszeit waren viele Kaffeehausgäste ja auch bitterarm und hatten nur notdürftige Unterkünfte.

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92
38
am 13. März 2015 um 06:08

Die alten Literaten werden schon gewusst haben, warum sie mit einem Kaffee 10 Wassergläser lang sitzengeblieben sind (kann man das heutzutage noch?). :-)

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92
38
am 12. März 2015 um 22:51

Das kann man sehen wie man will!
Den 2-grauslichsten Kaffee meines Lebens hab ich z. B. beim Demel getrunken.
Den fürchterlichsten in einem Wirtshaus im 3. Bezirk.

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63
50
Cafe Griensteidl
Michaelerplatz 2
1010 Wien
Speisen
Ambiente
Service
25
36
23
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