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L'Osteria - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 15. Februar 2015
Experte
BruderBernhard
38
8
19
3Speisen
3Ambiente
5Service

Man liest viel über die Pizza Vienna, angeblich sei sie eine lokalisierte Version der Pizza Italiana. Als grosser Anhänger von Kuriosa jeglicher Kulör konnte ich es mir nicht verkneifen, das letzte Stündlein in Wien, vor Abfahrt des Nachtzuges, noch dieser Spielart des Ungewöhnlichen zu widmen. Und ich wurde nicht enttäuscht.

L'Osteria am Hauptbahnhof ist von aussen ein wirklich eindrückliches Lokal, platschvoll um diese Uhrzeit, 20 Uhr. Da alles quasi im Schaufenster stattfindet, konnte ich schon von weitem die wagenradgrossen Pizzen ausmachen, und draussen war's auch angeschrieben, 45 Centimeter im Durchmesser hat der Fladen. Das Personal ständig in Bewegung, die Küche noch offener als bei McDonalds nebenan, ein grosser Elektroofen, das sah alles schon mal gut aus. Bis auf die ominösen 45 Centimeter natürlich.

Da wirklich kein Platz mehr frei schien, wollte ich zuerst verzichten. Als ich dann doch ins Lokal komme, werde ich sofort von einem Garçon angesprochen, der mich mit schwungvoller Bewegung zu einer Sitzgruppe in der Nähe der Bar weist - halt, zuerst natürlich noch das obligate "Buona Sera" - Politik des Hauses, habe ich gelesen. Der Rest dann in einheimischer Zunge, akzentfrei, bar jeglicher Italianità - schon a weng a Gaudi, hm?

Am Nebentisch teilen sich grad drei Backfische eine dieser Monsterpizzen. Sehr ungewöhnlich, dieser Anblick für mich, sehr billig für sie, denke ich.

Ich bestelle das obligate Trio, die Visitenkarte jeder Pizzeria, eine Margherita, einen gemischten Salat, sorry, Insalata Mista, und normalerweise gehörte jetzt noch ein Boccalino di Merlot dazu, aber leider haben sie das nicht. Egal, Barbera oder Montepulciano sind genau so passend. Letzteren haben sie.

Da ich noch nie in Österreich italienisch gegessen habe, muss ich als Bezugspunkt ein vergleichbares Lokal wählen, die wunderbare Terraza Da Teo in Bellinzona. Schauts allenfalls nach bei Tripadvisor.

Der Garçon, echt nett und auf Trab, geht ab, kurz schiesst mir noch durch den Kopf, dass er mich gar nicht nach der Salatsauce gefragt hat - aber das ist auch nur in unserer Region so, dass die Standardfrage bei der Salatbestellung kommt, "italienische oder französische Sauce?". Aber das ist jetzt wirklich nur spezifisch für unsere Gegend, fällt mir ein.

Die Pizza wird mir nach vielleicht 15 Minuten gebracht, von einer nicht uniformierten Chefin de Service. Zusammen mit der Vorspeise, das habe ich jetzt allerdings so nicht erwartet und ist so auch nicht üblich, das würde mich jetzt normalerweise fuxen. Aber die rundum entwaffnende Nettigkeit lässt gar keine üble Laune aufkommen.

Die Pizza hängt rundum um ca. 7 cm über den Tellerrand und wischt damit unweigerlich bei jeder Bewegung über die Tischplatte. Servieren die das mal so einem Lebensmittelinspektor, ist das Lokal sofort zugesperrt, bis sie die entsprechend grossen Teller angeschafft haben, da bin ich mir aber ganz sicher. Aber auch das gehört halt zum Charme der allgegenwärtigen systematischen Übertreibung in diesem Lokal. Operette eben.

Ich zerschneide mit einigen Schwierigkeiten die immer wieder die Tischplatte wischende Pizza, eine saubere, genügend grosse Unterlage wäre jetzt praktisch. Freue mich aber über den gut gebackenen, leicht krossen Teig, wie ich ihn auch bestellt habe. Er schmeckt mir auch sehr gut und ist auch so dünn, wie ich es von einer Pizza erwarte. Man kann sie sogar falten, das mag ich sehr. Der Belag schaut auch schön aus, der Käse allerdings hat eine ungewöhnliche Konsistenz, einen so sauberen Schnitt bin ich mir nicht unbedingt gewohnt. Er schmeckt auch ungewöhnlich, nämlich nach nicht viel. Zur Tomatensauce kann ich nur sagen, sie ist rot. Wir haben es hier wohl mit einem guten Pizzaiolo zu tun, einem hausgemachten Teig auch, aber ultragünstigen Zutaten, weil es muss halt einfach etwas drauf auf die Unterlage. Ich kann damit leben, bei dem Preis war wirklich nicht mehr zu erwarten.

Der Salat ist der Schocker. Eine schöne Mischung von Cherrytomaten, Grünzeugs, etwas Cicorino Rosso und ein grosszügiges Topping von nicht mehr ganz taufrischem Ruccola. Aber die schöne Mischung wird durch die Politik des Hauses richtiggehend verdorben, so was habe ich jetzt noch überhaupt nie erlebt. Die Sauce ist leicht säuerlich und sehr süss, als ob sie aus eingemachten Weichselkirschen und Extrakt von Granatäpfeln hergestellt worden wäre. Der Salat ist beim allerbesten Willen so nicht essbar. Ich versuche, ihn mit dem Essig auf dem Tisch anzusäuern, eine Halbliterflasche steht da, was die Sache aber nur noch schlimmer macht. Signorina, igge 'abe gare gheine Essig, das ist dieses billige Balsamico-Imitat, das gut gemeinte Speisen auch in Haushalten mit Drang nach Höherem flächendeckend verseucht. Ehrlich, ich bringe keinen Bissen von dem Zeug runter.

Bleibt der Wein - ich würde den als leicht lieblich und ansonsten banal bezeichnen, stand wohl zu lange nahe beim Lambrusco? Passt zum Salat.

Da das Resultat so durchzogen ist, müssen wir jetzt eine Rechnung auftun: Teig 4, Belag 2, Salat 1 (weil Null nicht geht), Wein 2, ergibt 9 durch 4 = 2.25. Wohin jetzt damit, hinauf oder hinunter?

Als der Garçon zum Abräumen kommt, sage ich es ihm, den Salat kann man nicht essen. Er so: "Der kommt aber gut an". Ich so: "Daran habe ich gar keinen Zweifel". Er aber immer nett, deshalb darf ich die Note aufrunden auf eine gefühlte 3. Dass er mir anbietet, den Rest der Pizza einzupacken, ein gutes Drittel noch, hat auf die Bewertung keinen Einfluss, gehört aber unter den Absurditäten erwähnt. Schon mal eine kalte Pizza von gestern aufgewärmt? Das macht man einmal im Leben und dann nie wieder.

Das Lokal brummt weiterhin wie wild, Leute kommen und gehen, Eros Ramazotti ist auch da und beeindruckt seine neue Flamme mit seiner genuinen 'Italianità' - ah nein, er ist es nicht, aber die engen Hosen, das kurze Jacket, die spitzen Schuhe, das etwas fortgeschrittenere Alter - er hätte es sein können. Ergo: Das Lokal ist sicher die perfekte Bühne für solche Spielchen, und die Bedienung spielt da gerne mit, das finde ich richtig toll, hier kriegt man noch was für sein Geld, ein Garçon soll bitte unbedingt Komplize sein. Bravo! Man erwartet jeden Augenblick Groucho Marx, aus der Tiefe des Lokals kommend, Händeschütteln hier, Schulterklopfen da, Oberarm drücken für die Signora, Küsschen für die Signorina, Wangen tätscheln der Bambini, verteilt er seinen Furbi et Orbi im Raum.

Fehlen bloss noch die Autoschlüssel auf den Tischen.

Wlan sehe ich nirgends angezeigt, aber das wäre ja wohl hier auch fehl am Platz. Es ist ein Lokal, wo man gerne hinkommt, es ist einladend, eindrücklich, hat sowohl bequeme Ecken wie auch grosse Tische, man wird auch nicht hinauskomplimentiert, will mir scheinen, aber ein schneller Umschlag der Kundschaft ist halt an dieser Lage und bei diesen Kampfpreisen schon nötig.

Bleibt als Fazit der Eindruck, dass ein sehr emsiges, junges Personal von einem cleveren Management in intensiver Schulung den nötigen Schliff erhält, der für diese Kulissenschieberei notwendig ist, und ich als Gast mache da eigentlich gerne mit. Die sind auf dem besten Weg zum In-Lokal für eine preisbewusste Klientel. Aber dieser Salat...

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Kommentare (2)

am 15. Februar 2015 um 09:18

ich werde mich das nächste mal unter aller Garantie des Salates enthalten! Umso mehr nach deinen Einbettungen in die lokalen Gepflogenheiten.

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Experte
38
8
am 15. Februar 2015 um 08:52

nun - L'Osteria ist sicher keine Pizza Vienna, sondern die klassische Pizza Germania: Viel - billig - standardisiert....kommt ja auch aus Deutschland, die Kette.
Der Salat wird in AT als Beilage zur Pizza gegessen: Hier ist dem Personal kein Vorwurf zu machen. Das nächste Mal einfach dazusagen, dass Du ihn als Vorspeise magst - ist sicher kein Problem.
Das Dressing: Dieses aufgezuckerte Zeug ist leider wien-typisch und auch Deinen Ausführungen zum Möchtegern-Balsamico ist zuzustimmen.
Das Einpacken der Restpizza ist dann wohl doch eher germanisch....auch wenns bei uns gerne angenommen wird. Verstehe das auch nicht.

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Experte
54
8
L'Osteria
Am Hauptbahnhof 1
1100 Wien
EG 152
Speisen
Ambiente
Service
30
36
38
6 Bewertungen
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