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Sichuan - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 19. Jänner 2015
Experte
BruderBernhard
38
8
19
4Speisen
4Ambiente
4Service

Ich komme unterdessen einmal im Jahr nach Wien, aus einem einzigen Grund: Die chinesische Diaspora hier ist Nährboden für eine Chinaküche, die es bei uns zumindest im ganzen Lande nicht gibt. Ich müsste wohl nach Paris fahren, um das hier in Wien zu toppen.

Heute hat meine Chinawoche begonnen - zuerst bei Aming Dim Sum Profi, aber darüber vielleicht später mehr. Warum ich das erwähne? Dort kam ich mit meinen Tischnachbarinnen ins Gespräch, beide offenbar geeicht und hart im Nehmen, sie keuchten, husteten und liefen rot an ob ultrascharfen gegrillten Paprika, eine meinte, kein Problem, es gibt keine Blasen.

Dies, um die beiden Wienerinnen zu situieren.

Ich erzählte dann von einem meiner Lieblingslokale der chinesischen Küche, eben dem schwer zu findenden, vielleicht auch nicht ganz glücklich benamsten Sichuan an der Humboldtgasse. Und da meinte die härtere der beiden, bass erstaunt: Sie hätte von diesem Lokal noch nie gehört, und dabei wohne sie nur grad um die Ecke. Und sie sei schon daran vorbei gegangen, aber mehr nicht, es hätte so unscheinbar, fast schon abweisend gewirkt.

Ich berichte nun also kurz von diesem unbekanntesten China-Lokal Wiens, das Lokal, in dem ich vor ein paar Jahren die Setchuan-Küche entdeckt und die mich seither nicht mehr losgelassen.

Die Belegschaft könnte kaum kleiner sein: Der Chef in der Küche, die Dame im Gastraum. Man kann rauchen, wenn's denn sein muss. Gestört hat es mich aber noch nie. Der Eingang ist ein wenig unglücklich verunstaltet, wer also darauf achtet, sollte seine Kriterien überdenken. Wir sind hier wegem Essen da.

Und das ist wirklich einen Umweg in mein Lieblingsquartier zwischen Hauptbahnhof und Keplerplatz wert. U-Bahn Keplerplatz aussteigen, ein paar Schritte Richtung Der Walter (Berufskleidung aller Art, imponiert mir), und dann kommt schon das Lokal.

Heute bestellte ich einen Quallensalat, Dim Sum à la Sechuan und als Hauptgang den doppelt gegrillten Schweinebauch, dazu passt ein Weizen wunderbar. Der Quallensalat war ein kleines Wunder, immerhin handelt es sich hier um eine Population, die momentan das Mittelmeer überschwemmt, man spricht von einer Quallenplage. Solch eine Plage lasse ich mir wohl gefallen, kommt sie so fein gewürzt und mariniert daher. Die Qualle selber, leicht gallertartig, mit Biss und Geschmack, war vermischt mit undeklarierten Gemüse, wahrscheinlich Lilienknospen und eine Rettichart, alles in Stäbleinform. Ich konnte süss, sauer, bitter und salzig identifizieren, soviel ich weiss, gibt es nicht mehr Geschmacksrichtungen, der Rest ist dann Aroma, bzw. eben Aromen. Ein ganzer Strauss davon war in der Marinade präsent. Ich plädiere für den Selbstversuch, sonst wird das hier zu episch.

Die Sechuan-Täschchen kamen in einer leichten Sojasauce. Dort imponierte mir vor allem der Teig, die Täschchen waren nämlich runzelig, hatte ich zumindest noch nie gesehen. Die Füllung war in Ordnung, ging in Richtung Wurstbrät oder Ravioli, also ganz fein gemixt.

Der doppelt gegrillte Schweinebauch, als der aufgetragen wurde, da kriegte ich es mit der Angst. Es war nicht ein ganzer Bauch, keine Angst, aber die Platte ergab bestimmt drei grad richtig bemessene Portionen. Und am Schluss hatte ich doch alles weggeputzt. Denn die Würze, die hatte es wieder in sich. Eine Pfefferschote auf der Menükarte, also grad schön scharf, die Jacke musste ich dann ausziehen, aber zu Tränen kam es nicht. Mir ist vor allem aufgefallen, wie fein abgestimmt Chili und Sechuanpfeffer waren. Nie drängte sich letzterer in den Vordergrund, was gerne passiert und dann so einen leicht zitronigen Geschmack erzeugt. Am Schluss blieb nur noch ein dünner, rotgelboranger Ölfilm in der Platte zurück - herrlich sah der aus.

Nächstes Mal, noch diese Woche, werde ich wohl die Rindersehnen bestellen. In der Vergangenheit hatte ich schon die Kutteln (grossartig), die Rindszunge (dito). Zum Schluss sei noch erwähnt, dass der Chef alles selber macht, das ist möglich, weil die Karte relativ beständig ist, und dass er auch die Nudeln selber herstellt. Und er gibt auch gerne Auskunft über seine Küche. Das ist nicht selbstverständlich.

Also, ich will hier nicht hypen - aber warum sogar Kenner der asiatischen Küche dieses Restaurant nicht wahrgenommen haben, ist mir schleierhaft. Nein, stimmt nicht, ich weiss schon, warum das so ist. Die beiden führen zwar ein gutes Restaurant, aber irgendwie scheinen sie der Selbstdarstellung fast ganz abhold.

Update, bloss einen Tag später:
Ich finde ja die Punkte auf ReTe sehr problematisch. Einerseits kommt eine 5 sowieso nur für Stufe Haubenküche in Frage. Andrerseits werden die Noten dann doch in Ranglisten verwendet. Und dann stosse ich immer wieder auf Kurzkritiken mit einer Fünfer-Triole. Ich habe deshalb heute, nach einem neuerlichen Besuch, auch das Ambiente auf 4 Sehr gut angehoben, denn je nach Standpunkt ist ein Lokal mit einem grossen Raucherbereich im hinteren Teil und fünf intimen Kojen im vorderen Nichtraucherbereich sehr ambient. Ich sehe denn auch immer wieder Paare, Projektbesprechungen und dergleichen in diesen gut abgeschirmten Séparés, und das Lokal ist natürlich für diesen Zweck prädestiniert. Man kann auch sagen, Ambiente und Service verbessern sich mit jedem Besuch. Den zurückhaltenden und unglaublich aufmerksamen Service hat ja ein anderer Besucher schon perfekt geschildert.

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Kommentare (9)

am 12. Februar 2015 um 20:38

BB, wenn du einem Lokal die 5 verpasst, dann glaube ich dir das. Letztendlich entscheidet doch immer der eigene Geschmack. Was für dich 5 ist kann für mich dann mindestens eine 3 oder höher bedeuten, ist also durchaus positiv!

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152
83
am 24. Jänner 2015 um 17:45

Lieber BB, ich (und die meisten hier, denke ich) machen das so: Die Punktevergabe berücksichtigt die Art des Lokales. Es hat keinen Sinn, ein Restaurant der Hochköche mit einem Lokal zu vergleichen, das ausschließlich Wiener Küche serviert, doch können beide für ihre Speisen die Note 5 verdienen - wie auch eine Konditorei, ein japanisches Restaurant, ein Steakhaus...

Die schwachsinnigen Lobeshymnen von sinnloser Kürze sind unausrottbar. Man ignoriere sie.

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48
22
am 24. Jänner 2015 um 16:25

Wolf, ich bin doch noch so strukturiert, dass ich den Kommentar dort hinpflege, wo er hin gehört. Ja, im Sichuan, und es war wirklich ein Highlight meiner Reise. Die, wie nennt man das jetzt, Sauce war einfach perfekt, die Konsistenz des Tofu fast crèmig und doch fest. Die Spaghetti Bolognèse der Sichuanesen? Empfehlenswert, und vorher die Schärfe absprechen. Waren zwei Chilis (abgebildet), grad knapp so scharf, dass die Stirn sich erhitzte, Tränen gab es keine, wird eventuell zweimal brennen, so muss es sein für mich. Ihr wisst ja gar nicht, welches Glück Ihr habt hier.

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38
8
am 24. Jänner 2015 um 13:33

war das mit dem Mapo Tofu auch im Sichuan?

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98
50
am 24. Jänner 2015 um 13:19

Mein Gaumen ist grad am ausflippen hier, letzter Tag in Wien, am Abend fährt mein Zug, praktischerweise ab Hauptbahnhof. Kann also noch profitieren und habe jetzt grad das Mapo Tofu gegessen. 1000 Aromen, so etwas feines habe ich selten gehabt, man merkt die Sorgfalt und den Berufsstolz des Kochs. Wenn ich also noch schnell diese unbedingte Empfehlung hier nachreichen darf. Da fällt der Abschied schwer. Wenigstens kriegt man Tofu auch in der Schweiz, werde mich sofort daran machen nächste Woche.

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38
8
am 20. Jänner 2015 um 21:13

Du solltest ev. auch noch dem Ostwind in der Lindengasse einen Besuch abstatten...
Die Höllenfeuersuppe (3 Pfefferschoten laut Karte) und alles wird gut...

Nein, ich bin nicht am Umsatz im Ostwind beteiligt... leider

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70
6
am 20. Jänner 2015 um 14:18

ich kenne "Wien, wie es isst" nicht, meine Referenz ist diese Seite hier. Schon vorher ist mir aufgefallen, wie selten es besprochen worden ist. Und nun diese Anekdote mit den zwei Wienerinnen. Mit den Kennern, die nicht wahr genommen, habe ich die Damen gemeint, nicht die Crew hier, Fettnäpfchen, bewahre! Meister Xiao und Nr. 27 werde ich diese Woche wohl noch aufsuchen können. Die Liste wird lang und länger. Werde wohl doch eine Übersiedlung ins Auge fassen müssen.

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38
8
am 20. Jänner 2015 um 09:01

Ganz so unbekannt ist das Sichuan in der Humboldtgasse nicht: Es wird in "Wien, wie es isst" seit seiner Eröffnung lobend hervorgehoben, und ich habe auch schon hingefunden. :-)

Besonders empfehlenswert bezüglich Sichuan - Küche sind auch Meister Xiao im 18. Bezirk und Nr. 27 im 3. Bezirk.

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92
38
am 20. Jänner 2015 um 06:21

Danke, Helmuth, aber leider wohne ich nicht in A, bin nur Tourist mit einer Obsession. Ich habe aber noch ein paar Sechuan- und Traditionslokale auf meiner Liste, die sind ja alle hier schon besprochen. Tja, man kann über ReTe denken, was man will, aber ohne wäre ich blöd dran.

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38
8
Sichuan
Humboldtgasse 18
1100 Wien
Speisen
Ambiente
Service
37
35
37
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