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Claire's - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 1. Februar 2014
Experte
adn1966
80
48
22
4Speisen
3Ambiente
2Service
10 Fotos1 Check-In

Sri Lanka meets Wirtshaus. Und zwar, so richtig. Unmöglich? Wahnsinn?

Exakt meine Gedanken im Vorfeld des ReTe Treffens, das unser geschätzter Tester SSW organsiert hat. Lange habe ich überlegt, was ich mir unter diesem Lokal vorzustellen habe, wieder und wieder habe ich mir die zugegeben sehr sympathisch gestaltete Homepage aufgerufen, bin grübelnd und kopfschüttelnd vor der Speisekarte gesessen, auf der sich Wiener Schnitzel vom Kalb, Gulasch mit Semmelknödel ebenso finden wie String Hopper Kotu, Chicken Biryani, diverse Curries, Suppen – Chicken Mulligatawny, Sunflowersoup, aber auch Fitatten-, Grießnockerl- und Leberknödelsuppe.

Als wär’s noch nicht genug der Verwirrung, es gibt auch gebratenes Zanderfilet und, Sri Lanka obviously also meets Italy, Spaghetti carbonara, bolognese und frutti di mare.

Großes „head scratching“ war angesagt. Wie, zum Teufel, ist dieser Mix so unterschiedlicher Küchen zu schaffen, wie in aller Welt kann dieser Spagat in Richtung eierlegende Wollmilchsau gelingen? Wer, bitte, der in Wien zum Sri Lankesen (sagt man das so?) geht, will auf der Karte Gulasch und Schnitzel finden? Oder gibt’s in Wien genug Leute aus Sri Lanka, die, wenn sie ihr heimisches Lokal aufsuchen, auch auf die Wiener Küche und, ab und zu, what the hell, auch auf einen Hauch Italien nicht verzichten wollen? Wo ist die Zielgruppe?

Ich muss gestehen, das Bild ist nun klarer und, ich hätte nicht gedacht, dass ich das schreiben würde, auch irgendwie stimmig. Aber eins nach dem anderen:

Das Claire’s ist ein alteingesessenes Wiener Wirtshaus, die Räumlichkeiten so, wie man sie sich von einem Wirten tief in Meidling erwartet. Große Schank, viel Holz, klassisches, unaufgeregtes, non-hippes Wirtshausambiente. Nicht ungemütlich. Original. As Wirtshaus as it gets. Einige Räume, (einer davon für Raucher), zwei Räume davon etwas moderner gestaltet. Nicht asiatisch, aber moderner. Ein etwas eigenartiger Mix aus Bildern, Origami, roten Streifen an der Wand, aber doch anders als der Rest des Lokals.

Fernando, der Chef, ist ein Quereinsteiger. Ein ehemaliger Arbeitskollege von schlitzaugeseiwachsam, der nun seit einigen Monaten mit seiner Frau und seinem Bruder das Claire’s betreibt. Er ist kein gelernter Gastronom, und ich lege Wert darauf, dass dies auch während der Lektüre meiner Bewertung nicht vergessen wird, denn auch die kleinen (oder mittleren) Schwächen und Fehler, die es heute durchaus gab, sind in diesem Zusammenhang mildernd zu betrachten.

Vorab, es war ein netter Abend. Es macht einfach Freude, Gleichgesinnte in verschiedenen Locations zu treffen, einen gemütlichen Abend mit den Leuten zu verbringen, die man aus diesem Forum zwar gut kennt, deren Berichte man liest, - persönlich mit ebendiesen Menschen zusammen zu sitzen und über gutes Essen, Gott und die Welt zu diskutieren, hat dann schon noch eine besondere Qualität.

Amarone, Eho, SSW, Otternase, Woody und die Brotvernichter, teilweise mit Partnern und Kindern waren diesmal mit von der Partie, eine wirklich nette Runde.

Zum kulinarischen Teil des Abends:

Karten wurden gereicht, erste Getränke bestellt. Meine Befürchtung ob der Weinauswahl hat sich leider erfüllt. Ich wählte zwischen den beiden angebotenen Rotweinen (Blauer Portugieser - € 1,50 – Zweigelt - € 1,30) auf Anraten von Fernandos Frau den Zweigelt. Es kam – eine wahrhafte Niederlage. Der wahrscheinlich schlimmste Zweigelt, den ich je getrunken habe. Also, schnell zum Blauen Portugieser umgestiegen, beileibe auch kein Weinerlebnis, aber trinkbar. An dieser Stelle eine gut gemeinte Empfehlung an den netten Chef: Kauf’ besseren Wein. Mag sein, dass Sri Lanka kein Weinland ist (Fernando erzählte mir von einem Kokoswein, den es dort gibt, mon dieu!), wenn ich in Wien auch die Wiener Wirtshausschiene fahren möchte, sollte ich auch einigermaßen trinkbaren Wein anbieten. Money well invested, so mancher Gast wird es zu schätzen wissen, wenn es nebst diesen beiden Vertretern des untersten Preissegments auch die ein oder andere Bouteille eines guten Cabernetscherls oder die ein oder andere Cuvée gibt.

Für die meisten Gäste war ohnedies Bier „the weapon of choice“, also auf zur Speisenbestellung. Es wurden diverse Vorspeisen, Suppen und Hauptspeisen geordert, alle aus der Sri Lanka – Fraktion der Karte. Nachdem ich unbedingt wissen wollte, wie gut Fernando den Spagat zur Wiener Küche schafft, ließ ich es mir nicht nehmen, ein Kalbswiener zu bestellen. Mit Petersilerdäpfeln und Salat. Comme il faut.

Es wurde uns schon vorab gesagt, dass es ob der großen Bestellung (knapp 20 Leute) zu etwas Verzögerungen kommen könnte, schließlich wird das Lokal im 3 Mann/Frau Betrieb geschupft, es würden die Speisen halt so kommen, wie sie grad fertig sind, keinesfalls zugleich, aber irgendwie doch alle, irgendwann.

Und so war’s dann auch. In 5-10 Minuten Abständen kam Fernandos Frau mit zwei Tellern, annoncierte ein Gericht auf Sri Lankesisch, worauf sich der/die ein oder andere der Runde mit einem „des könnte mein’s sein“ meldete.

Irgendwie kam dann doch jeder früher oder später zu seiner bestellten Suppe/Vorspeise, in unserem Fall waren’s einmal die panierten, vegetarischen Gemüserollen (€ 3,40) und einmal die Chicken Mulligatawny (Hühnersuppe mit Fleisch und Reis - € 2,90). Die panierten Gemüserollen: fantastisch. Knuspriger Kartoffelteig, saftige Fülle, leicht pikant, mit einem Klecks Zwiebel-Etwas (pikant-würziges Zwiebelchutney?). Tadellos. Die Suppe, ebenfalls ein Genuss. Reichlich Gemüse und Hühnerfleisch in einer typisch asiatischen Suppe, dezente Kokosmilchnote, schon etwas schärfer, ebenso tadellos.

Unsere bestellten Parippu Wade (frittierte Linsenlaibchen - € 3,90) kamen leider nie, dafür orderten wir eine Portion Paratta (hausgemachte Teigfladen mit Linsencurry - € 5,90), sehr, sehr gut.

Geraume Zeit danach kam der Hauptgang der Liebsten, Chicken Devilled (gegrillte Hühnerstücke mit Reis, Zwiebel und Tomaten), scharf bestellt, sowie mein Tribut an die Wiener Küche, das Kalbswiener (€12,90).

Der Liebsten Chicken war geschmacklich in Ordnung, nicht wirklich scharf, dafür wurde eine dunkelrote Paste gereicht, die wiederum an Schärfe nichts zu wünschen übrig ließ. Das Gemüse zum Chicken sehr schmackhaft, frische, gute Zutaten waren zu erschmecken, die Hühnerstücke allerdings etwas zu trocken gegrillt.

Mein Wiener Schnitzel: die Überraschung des Abends. Als g’standener Wiener habe ich schon in unzähligen Gasthäusern, die sich teilweise zig Jahre Erfahrung mit Wiener Küche an die Brust heften, Schnitzel gegessen, dieses Kalbsschnitzel kann mit den Besten der Zunft durchaus mithalten. Gut, wir sind in einem Wirtshaus, nicht im Sacher, aber es war ein tadelloses Wiener Schnitzel. Gutes, zartes Fleisch, die Panier perfekt, mit ebenso tadellosen Petersilerdäpfeln und einer halben Zitrone. Dazu ein guter, saftiger, frischer Salat. Hut ab, Fernando.

Abschließend, en lieu eines Desserts, gab’s zwei Espressi für die Liebste und mich, - nicht schlecht. Mein „bitte den Espresso kurz“ ging zwar offenbar irgendwo verloren, es kam ein normaler Espresso. Gut im Geschmack, aber hier ist schon noch deutlich Raum nach oben. But again, - ein Wirtshaus, kein Gourmettempel. (Man sehe sich nur die Preise an)

Subsummierend kann ich sagen: Es war ein sehr, sehr netter Abend. Fernando und seine Familie ist ausgesprochen bemüht und hat durchaus das Potential, durch ihre Liebe zum Kochen und durch die Verwendung von guten, frischen Produkten mit diesem netten, gemütlichen Lokal die Restaurantlandschaft Wiens zu bereichern.

Ein paar Tipps möchte ich ihm und seinem Team trotzdem mit auf seinem Weg geben:

Die Wartezeiten auf die Speisen sind lange, teilweise zu lange. Es ist verständlich, dass es, bedingt durch die äußerst ambitionierte Personalsituation, zu Wartezeiten kommen kann, speziell, wenn eine große Gruppe kommt, - das Warten wäre unproblematischer und leichter zu verkraften, wenn der Service (Fernandos Frau) etwas mehr „am Gast“ wäre, d.h. öfter einmal fragte, ob man noch etwas zu trinken möchte. Vielleicht könnte man dem Gast die etwas längere Wartezeit auch damit vertreiben, indem man z.B. ein Stamperl Lassi oder etwas Ähnliches servieren würde. Keep ‘em busy, keep ‘em happy.

Es wäre nett, wenn die Speisen den Leuten serviert werden, die sie bestellt haben, bzw. wenn etwas genauer erklärt würde, was grad serviert wird. Viele von uns haben etwas bestellt, ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, wie die Speise tatsächlich aussieht, bzw. haben den Namen der Speise nach der Bestellung gleich wieder vergessen. Beim Servieren einer Speise den landessprachlichen Namen ebendieser „in die Runde“ zu rufen, sorgte teilweise für etwas Ratlosigkeit. „Ist das mein’s?“ „Wie hieß das, was ich bestellt habe?“ Eben.

Das Konzept „Sri Lanka meets Vienna“ kann nach meiner Erfahrung heute Abend durchaus aufgehen. Viel Luft nach oben im Service, hier könnten Fernando und seine Familie noch einiges verbessern. Der Wille, die Freundlichkeit sind da, es hapert noch ein wenig mit der Konsistenz und Umsetzung. Statt einem bestellten Vierterl kam ein Achterl, es wurde nur selten nach Getränkewünschen gefragt, noch seltener wurden Gläser und Teller abserviert.

Zum Ambiente? Vielleicht sollte man den vorderen Teil des Lokals so wirtshausmäßig lassen, warum nicht? Ein Teil des Restaurants sollte dann allerdings schon auch optisch „Sri Lanka“ ausstrahlen. Keinen Kitsch, mind you, aber authentische, stimmige, Landesatmosphäre. Das sucht man doch, wenn man zum Sri Lankesen (seriously, wie sagt man das?) geht.

Und trotzdem, ich sag’s noch einmal: Fernando ist Quereinsteiger, keine Facherfahrung, - und doch sehr bemüht, sehr freundlich, gute Küche, frische Produkte, auch gute Wiener Küche.

Es war wirklich ein netter Abend.

Danke.

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Kommentare (18)

am 18. Februar 2014 um 15:17

als wir bei unserem ReTe Treffen waren, wollten die Liebste und ich schon vor die Tür gehen, um zu rauchen, und wurden vom Besitzer freundlich in den Raucherbereich gebeten, in dem auf allen Tischen auch Aschenbecher standen. Strange.

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Experte
80
48
am 18. Februar 2014 um 10:20

Vielleicht haben sie es ja vor kurzem auf total non smoking umgestellt.

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152
83
am 18. Februar 2014 um 09:48

adn: Sehr interessant, genau dort sind wir gesesssen. War bei uns aber strikt non smoking.

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107
33
am 18. Februar 2014 um 09:40

Danke, hautschi! Ja, der Raum gegenüber der Schank ist der designierte Raucherbereich mit ca. vier Tischen.

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80
48
am 18. Februar 2014 um 06:30

adn: Wie immer, bombiger Bericht, vielen Dank!
Bist du dir mit dem Raucherbereich sicher? Bei unserem Besuch, wurde uns, auch auf Nachfrage, nur ein Nichtrauchertisch angeboten.

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107
33
am 5. Februar 2014 um 15:50

meingottwalter: Ja da musst du interssante Zeigenossen kennen - ich hab gerade nochmal über das Thema mit einer 40jährigen Jungmutter und Lehrerin aus dem Friuli diskutiert - die kennt diese "due cappuccio"-Variante auch nicht.
Dass Italiener mit dem Congiuntivo sehr schleißig sind, war mir schon immer bekannt. Werde weiterforschen! ;-)

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315
75
am 5. Februar 2014 um 15:27

Also zur frage 1. Ich kenne italiener aus fast allen regionen.
E ancora una volta, non dice due cappuccini e non due espressi.
Lg mgwalter

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6
0
am 5. Februar 2014 um 14:09

meingottwalter: mich würde ja schon interessieren, welche Italiener du kennst! ;-)
Dass normalerweise jeder mit "un caffè" den italienischen Espresso meint, ist mir auch klar, ich bestelle ja auch nie anders.
Und caffè ist durch den Apostroph (-è) unregelmäßig dekliniert, also gar nicht - Plural bleibt also gleich. So weit, so klar.
Aber bei "due espressi", sofern man (selten, aber doch) so bestellt, gibt's kein wirkliches mir verständliches Argument, warum man "due espresso" (due + Einzahl) sagen sollte.

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315
75
am 5. Februar 2014 um 11:49

Genau amarone, et due cappuccini!
Spass beiseite, ich kenne keinen italiener der due espressi bestellt.
Wenn dann due caffe, aber das ist darauf zurueck zu fuehren, dass espresso eigentlich in italien das kaffeehaus ist. Und wenn sie es so bestellen , dann sagen sie due espressO.

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6
0
am 1. Februar 2014 um 11:59

Wein mitnehmen ist keine schlechte Idee, ich kann mir nicht vorstellen, dass der sehr sympathische Chef etwas dagegen hat, - natürlich gegen Stoppelgeld.

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80
48
am 1. Februar 2014 um 11:54

meingottwalter:
un espresso, due espressi
un caffè, due caffè
una pizza, due pizze
...

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315
75
am 1. Februar 2014 um 11:41

Vielen Dank für diesen super Bericht, ich werde nächste Woche das Essen aus Sri Lanka testen, kann man Wein gegen Stoppelgebühr mitbringen? Weiß das jemand aus der Runde der verehrten Tester?

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67
22
am 1. Februar 2014 um 10:39

Aber wie immer war das Beste die gemeinsam verbrachte unterhaltsame Zeit mit netten Menschen. Da fällt einem selbst das lange Warten auf das Essen nicht so schwer.

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152
83
am 1. Februar 2014 um 10:17

Meidlinger12: Für ein gutes Essen fahr ich meilenweit! Auch ins tiefste Meidling! ;)

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152
83
am 1. Februar 2014 um 09:14

Jetzt ist alles klar warum sich SSW ins tiefste Meidling verirrt hat. :-) Die Origami sind vermutlich seit letzten Sonntag als Deko liegen geblieben. Da fand ein Origami Vortrag/Workshop statt. Nächstes mal gibts einen Wienerlied Abend. Den möcht ich auch ganz gern besuchen. Origami war nicht ganz meins. Da war ein Bier mit dem Freund am Stammtisch toller. :-)

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197
51
am 1. Februar 2014 um 07:50

H-G-L ; was soll man da noch schreiben :o)
so war's, i schwör's

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0
27
am 1. Februar 2014 um 01:41

Super bericht.
Nur eins, 2 espressi = no no no. 2 espresso si si si

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6
0
am 1. Februar 2014 um 01:41

Super bericht.
Nur eins, 2 espressi = no no no. 2 espresso si si si

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Claire's
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