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Das Turm - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 25. September 2013
Update am 22. November 2013
Experte
amarone1977
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4Speisen
4Ambiente
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amarona1978 bittet zu Tisch – amarone1977 kann nicht Nein sagen. Die Idee, „in’s“ Turm zu gehen, kam nicht von mir.

Jede Menge interessante Berichte über „das Turm“ gibt es ja schon, und das seit etwa vier Jahren bestehende Gourmetlokal in luftiger Höhe hat seit geraumer Zeit einen neuen Küchenchef.
Und der sollte nicht nur in puncto Küchenkunst eigene Wege gehen, sondern auch was die Präsentation der leiblichen Genüsse betrifft.

Bis zum Betreten des feinen Lokals im 22. Stock des Immofinanz-Towers wusste ich davon allerdings nichts.
Ich war schon wieder einmal zu spät, allerdings auch nur, weil ich am Schedifkaplatz ein gerade eintrudelndes SMS lesen musste, anstatt dem Fahrer des 7B zuzuschauen, wie er gerade den 1. Gang einlegt…
Der 7B fährt direkt zu den Towers, zu jener Zeit um 20 Uhr allerdings nur alle 15 Minuten. Sollte man wissen – und sich vorher schlau machen, Signor amarone!

Meine bezaubernde Gastgeberin sitzt schon am Tisch, welcher wiederum elegant gedeckt, mit einer Begrüßung der ganz neuen Art aufwartet: eine geöffnete Holzschatulle, mit der Karte der beiden Abendmenüs im Deckel, darin zwei Glasflakons. Einer flüssig (war‘s Granatapfel oder doch eine Kombucha-Spielart?), einer fest gefüllt (locker-zarte Miniatur-„Snips“, aber nicht aus Erdnüssen).

Dahinter auf einem Drahtgestell à la Kleiderbügel tierisches Popcorn im Plastiksackerl:
Schweinehaut als Rohmaterial, speziell in Form gebracht und frittiert. Die genaue Zubereitung erinnere ich jetzt nicht, das Ergebnis kann man allerdings tatsächlich mit Popcorn vergleichen. Für die experimentierfreudigen Köche unter uns mal ein Versuch wert.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, nicht alle Gänge 1:1 zu erinnern, für die vielen ausgefallenen Kreationen hätte ich wohl ein Notizbuch gebraucht, um sie mir alle zu merken. Dafür ist mir aber der Abend zu schade, noch dazu bei solch charmanter Einladung.

Jetzt raucht’s: die lustige Servicedame aus dem Tiroler Inntal bringt einen Hauch Wellness in das Lokal: wabernde Schwaden einer Aromatherapie quellen aus einem Gefäß, daneben für jeden ein dunkler Vulkanstein. Der Stein ist sehr warm und anschmiegsam, soll wohl die nötige Entspannung vor dem großen Festmahl bringen und ist noch nicht der Gruß aus der Küche, nicht essen also!
Bis dato sind mir allerdings keine Zahnverluste, Kieferbrüche o.ä. aus dem Turm zugetragen geworden.

Damit wir aber nicht schon vor dem Essen einschlafen, kühlt der Stein nach einer guten Minute auch schon wieder ab, die Nebelschwaden der Aromatherapie lichten sich – und der erste Gruß aus der Küche kommt daher: kleine Häppchen mit, wenn ich mich recht erinnere, Fisch, Kaffee, marinierter Sellerie und – man lese und staune – ein Sanostol-Gelee.
Ja! Sofort werde ich an Lukas Resetarits‘ geniales Zitat erinnert:

„Statt Sex and Drugs and Rock'n Roll nur Butterkeks und Sanostol!“ Danke Lukas für die Wortspende: Link
Hat’s geschmeckt? – Wir antworten artig. Schmeckt – interessant!

Ebenfalls interessant der zweite Gruß: in der Sardinenbüchse samt Deckel grüßt der kreative Koch mit einer Erdbeercreme samt Oliven, obendrauf Schneckeneier.
Handwerklich ist alles feinst zubereitet, die Aromen wollen allerdings nicht so recht zusammenspielen. Erdbeeren ja, Oliven hm, Schneckeneier ok. Jetzt weiß ich, wie sie schmecken. Nach - ja was?
Ach ja – ich vergaß: die Deko-Schnecke verbirgt ein kleines Knäuel duftende Watte. Die Nase riecht mit!

Der Brotkorb wird gereicht – wir suchen aus, was uns gefällt. Hier vertraut das Haus einem Bäcker aus Tullnerbach, wenn ich mich recht erinnere. Das ist auf alle Fälle eine gute Idee, das Brot versetzt uns beide in freudiges Entzücken. Erstklassig, nicht nur das unglaubliche Nussbrot.

Mittlerweile wird unser zuerst unerfüllbare Wusch nach einem spektakulären Fensterplatz erfüllt, ein Tisch mit Blick auf Tangente, Triester Straße und Südautobahn wird frei.

Jetzt legt Herr Küchenchef richtig los: hier heißt die Suppe nicht Suppe, nicht Consommé, auch nicht Crème, sondern:
„Blubb No.1“ oder „Blubb No.2“.
Das erklärt sich von selbst: Die beiden Varianten werden in einem umgedrehten Glas serviert. Entfernt man das Glas, ergießt sich die Suppe mit einem -- blubb -- auf den Teller.
Einerseits ein Gag, andererseits macht’s Sinn, weil sich die Zutaten nicht schon in der Küche mit der Garnitur verbinden, sondern erst bei Tisch. Ein unschönes Häutchen könnte sich also auch gar nicht erst bilden.

Und so schmeckt’s: dort die „Blubb No.1“ mit dem Thema „Pfirsich“, zusammen mit Wiener Schnecke, Wilder Spargel und „Staub“.
Hier die „Blubb No.2“ mit dem Thema „Selleriesuppe“, zusammen mit Erdbeere, Aloe vera, Jakobsmuschel und Tasmanischem Bergpfeffer.

Nun – die Pfirsichcreme war wirklich eine feine Angelegenheit, sehr ausgewogen, meine Selleriesuppe wurde aber von der Erdbeere geschmacklich gnadenlos erschlagen, der Sellerie musste klein beigeben - die sonst so geschmacksgewaltige Wurzel hat gegen das Rosengewächs nicht den Funken einer Chance.
Bei einer aromatisch also dermaßen dominanten Note hätte auch der Tasmanische Bergpfeffer ein südwalisischer Talpfeffer sein können, ich hätt’s wohl nicht gemerkt…

Ein Erfrischung zwischendurch: ein Passionsfrucht-Sorbet. Serviert im hohen Schüsserl, welches – ja – in einem knallroten High-heel thront.
What tha freak is goin‘ on?

Bei all den ausgefallenen Ideen des Kochs trau ich sogar dem „edlen“ Schuhwerk am Tisch zu, Geruch zu verbreiten – doch ich werde enttäuscht: der Schuh riecht nach Schuhgeschäft, auch nicht nach zartem Angstschweiß einer südostchinesischen Tänzerin.
Schrei vor Glück? Noch nicht ganz.

Doch das Sorbet ist aller erster Güte – der Koch kitzelt das Beste aus der Frucht, zusammen mit idealer Konsistenz .

Die Schuhe gingen übrigens retour, meine Gastgeberin hat sie nicht gegen die ihren getauscht. Wir haben’s nicht versucht – wir wissen auch bis heute nicht, ob einem möglichen unerwünschten Abhandenkommen der edlen Fußbekleidungen durch das gezielte Servieren zweier linker Exemplare entgegengewirkt wird.

Wir fragten uns bereits, wie wohl der Hauptgang daher kommt: der Fisch im rollenden Fischerboot? Das Rind im dahertuckernden Playmobil-Traktor?
Weder noch, ganz banal, ja fast schon „langweilig“ klassisch ohne viel Aufhebens, aber trotzdem hübsch anzusehen:
Steinbeißer mit Nudelbällchen, Tonic-Espuma (!), Marille, weißem Curry.
Gegenüber ein dry aged Beiried mit Süßkartoffelpüree, Kirsche und Nussstaub.

Der Fisch ist nicht alltäglich, muss man mögen, Konsistenz wie Geschmack etwas eigen, die grundelnden Fische wie etwa auch der Wels scheinen eben ganz anders zu sein als etwa Goldbrasse oder Saibling.
Interessant aber die Kombi mit dem Tonic-Espuma, die anfangs ungläubiges Staunen auslöst. Aber warum eigentlich nicht? Ungewohnt ja, aber ganz daneben sind die Experimente auch mit dem Currystaub und der Marille nicht.
Spielerei schon eher die Nudelbällchen – manchmal tun’s auch einfache Bandnudeln bester Qualität, oder?

Viel handfester meiner Meinung nach das dry aged „Höllerschmid“-Rind. Schön zartes Fleisch, cremig-samtiges Püree mit der erwarteten Süße, genial kombiniert mit den sehr gut marinierten Kirschen. Anstelle des Nuss-Staubs hätte man aber vielleicht doch zart geröstete Nuss-Splitterchen machen können, irgendwann wird einem das „Geschmacks-Suchspiel“ doch zu viel.

Dessert: ganz konträr auch wieder hier – meinerseits eine Mascarpone-Tarte mit Apfel, Petersilie und Kokos. Intelligente wie fast „logische“ Kombination (aber man muss erst mal darauf kommen!), jeder „Mitspieler“ am Teller mit dem richtigen „Gaumenspiel“ von cremig, zart, bissfest und saftig.

Andererseits ein „Snickers“ nach Art des Hauses – mit den „Teilnehmern“ Erdnuss, Schokolade, Mango und Banane. Auch wenn mir die Kombinaton von Schokolade und Erdnüssen des Masterfoods-Vorbilds weniger zusagen, ist die Umsetzung am Teller sicher gelungen – und amarona1978 schwelgt unüberhörbar.

Die Schlusspointe: wir hatten es ja schon am Nebentisch zuvor grinsend-tuschelnd beobachten können.
Petit-fours – das Arrangement hierfür: ein Vogelkäfig, die „Vögel“ sind in den Käfig hinein gehängte Pralinen.
Am Tisch wird dann ein im Käfig-Boden versteckter Soundchip gestartet - Vogelgezwitscher.
Welche Art? Keine Ahnung - Tasmanischer Bergpirol? Oder ein südchilenischer Andenzeisig?
Wir wissen es nicht – die Pralinen sind aber allererste Sahne: schön gekühlt, knackig, ihnen weich, kleine Hochgenüsse.

Bei all der Inszenierung fast ein wenig im Hintergrund:
das Ambiente hält sich vornehm zurück, weiß, dass es Platz lassen muss für romantische Abendessen, zusammen mit dem prächtigen Ausblick über die Stadt.
Tipp: einen Stock tiefer fahren, die Bar verfügt über eine Terrasse.

Service und Wein: Glasweis-Angebot eher überschaubar, Weinpräsentation aber in Ordnung.
Das Präsentieren und Erklären der einzelnen Gänge wirkt zuweilen etwas „eingelernt“, man wünscht sich fast den Koch selbst dabei, zusammen mit der Idee, der Eingebung, dem Hintergedanken.
Fairerweise muss man aber sagen, dass sich im Haus niemand wirklich eine Schwäche leistet, vor allem die Inntalerin zeigt Humor und Esprit, man plaudert später auch noch in der Bar.

Fazit: nicht einfach. Auf alle Fälle ein Erlebnis, ein sehr schöner Abend. Die Präsentationen und Geschmacksexperimente sind manchmal mutig und gelungen (Fisch und Tonic), manchmal bleibt das große Fragezeichen auf den Haarwurzeln picken (Sanostol, Schneckenei, Erdbeer?).
Zubereitung und Präsentation sind aber über alle Zweifel erhaben, manchmal muss man sich aber fast schon fragen, ob bei allem Pi-Pa-Po rund um Aromatherapie, Damenschuh und zoologischen Klängen nicht das Essen fast ein wenig in den Hintergrund gedrängt werden könnte.

Beim Essen sind mir oft die bodenständigeren Dinge letztendlich doch ein wenig lieber, weil sie den Blick unverfälscht auf das Wesentliche lenken, auch wenn das Auge mitisst, zweifelsohne.
Die Speisekarten werden aber im Auge behalten, die Neugierde bleibt ja erhalten, auch ohne Sardinenbüchse und Vogelkäfig.

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Kommentare (13)

am 26. September 2013 um 11:37

SSW: schau, das ist ganz einfach - ich seh das aus meiner Perspektive, schreibe so, wie ich schreibe, also auch so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Ich seh aber auch die anderen Schnäbel - da gibt's eben einige, die mir besser gefallen, sorgt aber nicht dafür, dass ich meinen Schnabel verändern werde :)
Das ist auch gut so!

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am 26. September 2013 um 11:30

Bescheiden meinte ich...

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am 26. September 2013 um 11:28

Jetzt werd aba mal net unbescheiden! Ehre wem Ehre gebührt!

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am 26. September 2013 um 11:22

lehla: ganz ehrlich - rot werd ich nicht, aber es gibt unter meinen "Gefollowten" einige Schreiber, die meiner Meinung nach viel besser schreiben.
Und - es gibt auch sicher die, die meine Berichte nicht lesen wollen. Auch das ist ok. Freut mich aber, wenn es Laune und Appetit macht - vor allem Letzteres ist besonders wichtig! ;-)

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am 26. September 2013 um 11:15

Na geh - wir sind nach dem Abend sicher nicht zum Wiaschldompteur 'gangen! Aber hallo!

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am 26. September 2013 um 10:54

Sicher hast Du recht. Aber ich möchte nach einem Restaurantbesuch nicht gleich wieder zum Würstelstand rennen, weil ich das Gefühl habe, nicht satt geworden zu sein.

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am 26. September 2013 um 10:42

SSW: Selbstverständlich. Also wir haben nicht das ganze Menü genommen, sondern nur jeweils drei der angebotenen Gänge (plus die Grüße) und es hätte sicher nicht mehr sein müssen.
Beim Essen ist das so eine Sache - in den Köpfen der Leute ist immer noch die Nahrungsaufnahme und die vordergründige Sättigung im Vordergrund. Das ist sowas wie ein unbewusstes Nachkriegstrauma. (Große Portionen - alles topp! 5-5-5...)
Dann wundern sich die Leute, wenn sie Übergewicht und Diabetes kriegen.
Essen ist aber mehr als das - man lässt sich in erster Linie mal Zeit dafür, wie auch für die Liebe, die nicht nur 1 Minute dauern sollte...
Essen ist also auch stets eine sinnliche Erfahrung, wer sich Zeit dafür lässt, ist auch immer nach dem letzten Gang gesättigt.
Beim Wein wird das noch deutlicher: Ein Glas Wein hat 0,1l, oder eben 1/8l. Was habe ich davon, wenn mir 3/8 vom selben Wein auf den Tisch gestellt werden? Er schmeckt deswegen nicht besser, schon gar nicht, wenn ich ihn runterstürze.
John Mayer: "twice as much ain't twice as good": Link
;-)

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75
am 26. September 2013 um 10:12

Wichtige Frage: Bist du satt geworden?

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83
am 26. September 2013 um 09:49

SSW: ;-)
eine Gleichgesinnte!

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315
75
am 26. September 2013 um 09:48

cmling: es ist natürlich nicht einfach zu bewerten - das hängt auch ganz stark von der Speisekarte selbst ab. Lies mal bubafants Bericht, da gab's ganz andere Sachen, auch wenn bei ihr auch das Fischdoserl Verwendung fand!

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315
75
am 26. September 2013 um 09:46

lehla - na bitte net, ich blieb lieber hier im Grätzel! :-)
Trotzdem, vielen Dank!

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315
75
am 26. September 2013 um 03:53

Sehr informativ und interessant geschrieben. Danke!

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48
22
am 25. September 2013 um 20:09

Mich interessiert am meisten: Wer ist amarona1978?

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