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Gasthaus Kopp - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 9. August 2013
Experte
amarone1977
315
75
30
4Speisen
3Ambiente
3Service
4 Fotos1 Check-In
Gelistet in: Wien - Beisl & Co.

Legendär. Jetzt aber richtig!

Dabei beginnt diese prägende Wiener Episode schon zwei Tage vorher:
es ist nach wie vor drückend heiß, Wien matcht sich temperaturmäßig immer noch mit Tunis und Hurghada. Die Pratersauna ist obsolet geworden, in den Lokalen weiß man nicht, wo’s angenehmer ist – im brennend-brütenden Schanigarten oder im drückend schwülen Lokalinneren.

Im Gastgarten sitzt eine Person und liest das pulitzerpreisverdächtige Kleinformat. Nicht einmal die Speisentafel beim Eingang mit Hinweis auf „Sperrstunde 16 Uhr“ fällt mir auf, erst als ich merke, dass die Tür nicht aufgeht, kommt die Ansage aus der anderen Richtung wie auf Befehl:

„Koohst net les’n?“ (das Wiener „nn“ verschwindet ihm ang’fressenen „ooh“)

Wäre so eine Ansage in meiner „g’scherten“ Heimat passiert, hätte ich den guten Herrn gelinde gesagt nach seinem schlechten Befinden gefragt. Aber wir sind ja in Wien, und so drehe ich den Spieß salopp-humorvoll um:

„Sand’S leicht a bissl beleidigt heit?“ – „Na eh net, oba da Kopp hot heit scho um Viere Nochmittog Sperrstund‘, waaßt‘ de miassn heit putzen! Mia hot jo nua da Kööhna die Krone außa brocht. I wuit ma jo eh ah no an Spritza kaufn, hob’s jo söba net gwusst, doss a heit scho zua is.“

So erfahre ich innerhalb von 5 Minuten seine halbe Lebensgeschichte – „waaßt‘ i bin jo ka echta Weana, bin jo a Woidviertler, oba scho seit’n 63er-Joah do im Zwanzigsten.“
So bringt mich der 11A zurück zur U-Bahn – zwei Tage später nächster Versuch.

Der Schanigarten ist bummvoll, wohl nicht zum ersten Mal. Die Qual der Wahl gibt’s also erst gar nicht.
Drinnen zögert der Kellner keine Sekunde: Raucher oder Nichtraucher? – Nichtraucher natürlich.

Der Nichtraucherbereich ist nicht wirklich baulich vom Raucherbereich getrennt, ein großes Schild an der Wand scheint sich regelrecht dafür zu entschuldigen: (sinngemäß) „einen richtigen Nichtraucherbereich gibt’s im Extrastüberl.“ So kann man das auch sagen, heute ist mir das aber wirklich egal, ich fühle mich hier wie in einer anderen Zeit.

Es gibt sie ja nur in Wien – diese alten Gasthäuser, mit der allerersten Einrichtung von anno dazumal, also 50er- und 60er-Jahre, der geschätzte User Meidlinger12 wird mir beim Vergleich mit der Philadelphia-Wirtin zumindest irgendwie Recht geben.

Die helle Wandvertäfelung erinnert mich an Großmutters Esszimmer, das waren sicher die gleichen Brettln, die mit dem Schlitzschraubenzieher aufgeschraubt werden.
Die neben dem unermüdlich kurbelnden Ventilator runterhängenden Pflanzen wurden wohl auch nicht erst vorgestern beim bellaflora abgeholt.
Boden und Möbel zeigen Farbenspiele und Gebrauchsspuren, aber ich schwör’s: am Boden liegt nicht ein Futzerl oder Bröserl.

An der Wand Bierwerbung und Drucke von Salvador Dali. Mein Zwickl wird gebracht: erfrischend, trüb, vollmundig. Genau meine Wahl, kaum zu glauben, dass man in Schwechat ein so feines Bier braut.

Der Kellner stört mich beim Smartphonieren: „So, jetz‘ is‘ Schluss mit lustig – ‘gessn wird!“
Die Krautsuppe in der hohen Tasse dampft und riecht betörend. Das Kraut erinnert mich an jenes im polnischen Bigos. Schön sauer, die Suppe mächtig mollig, Fettaugen garnieren den kräftigen Sud, der ordentlich Selchfleisch mitgebracht hat. Wenn das nicht deftig ist, na was dann. User wirtshausfreak, hab Dank für deine Empfehlung!

Sicher: an so einem Tag Krautsuppe zu essen, grenzt an Wahnsinn, doch ich hoffe insgeheim, dass mir das Gebräu hilft, die hartnäckige Halsentzündung auszutreiben.
Die Suppe tut ihren Dienst. Das Hemd wird feucht, das Gesicht bekommt einen glänzenden Teint. Herrlich.

Knödel mit Ei und Salat.
So muss das sein: schöne Knödelscheiben gleichmäßig angeröstet, das darüber gegossene Ei verteilt sich schön in der Pfanne, gerade eben vor dem kompletten Stocken holt der Küchenfreund das ganze aus der Pfanne – rauf auf den Teller.
Die anderswo verbreitete Angst, das Ei könnte „Probleme“ machen, gibt es hier nicht. Hier brät man das Ei nicht zu Tode, bis es trocken ist, um etwaige Keime im sprichwörtlichen Keim zu ersticken.
Einzig der Salat haut mich nicht vom Hocker – der schwimmt in einer doch viel zu verwässerten Marinade, obgleich der Salat selbst frisch und knackig ist.
Das können die Steirer dann doch um Welten besser, aber alles müssen Sie ja auch nicht können, die Wiener.

„Na, wer‘ ma no a behmische nehmen?“ – Ich bin praktisch am „Streiken“, soll ich mir noch die gute Palatschinke bringen lassen? Eigentlich geht ja gar nichts mehr.

„Geh kumm! ‘Platzt bisst jo eh no net!“ – Na also, Herr Graf, bringen’S ma no den Fisch!

Die böhmische Mohnpalatschinke ist schön dünn, etwas „eibetont“ gelb, schöne Konsistenz, mit flüssiger Butter und (zu) viel Powidl gefüllt.

„Na siehgst! Host‘ as eh g’schofft! Komma no was bringen?“ – Aber sicher! Fußball live am Schirm. Welche Farbe gibt’s hier eigentlich bei euch? Grün-Weiß oder doch Violett?
„Hean’S, mir is des wuascht, i bin a Grieche, do aufg’wochsn, i vasteh net, wiaso 22 Trottln olle an Boin nochlafn!“ – Im augengleichen Moment schießt ein Grieche für Rapid ein Tor. Jubel im Lokal.

Ich übersiedle in den rauchenden Schankbereich. Ein kleines Dunkles noch bitte!
Ich suche mir einen Tisch: Is‘ bei Ihnen noch frei?
„Sicher – nehmen’S Plotz. Setzen’S Ihnan oba gonz ummi, sunst sehgen’S jo nix!“

Wieder sitzt mir ein Herr gegenüber, der zwischen Fußball live, dem faschierten Braten („de kochen so guat, sog i Ihnan, bei uns im 23. gibt’s ka so a Lokal!“) und dem Hopfeneistee seine Lebensgeschichte loswird.

Drei Tore später die Rechnung bitte: nicht einmal 18 Euro für Suppe, Knödel mit Ei, Palatschinke und zwei Bier. Auch preislich ist man hier noch in der Vergangenheit – ich kann’s kaum glauben. Trotzdem, für die niedrigen Preise ist die Qualität und Umsetzung traditioneller Wirtshausküche wirklich mehr als ordentlich.
„Sogar die Taxler kumman doher essn!“ – Ich glaub’s meinem Sitznachbarn auf’s Wort.

Nach einer Hälfte Essen und Trinken und zwei Hälften Fußball ist klar: hierher muss man wiederkommen. Sollte die UNESCO in Wien einen weiteren Grund suchen, schützenswertes Kulturgut in ihre Liste aufzunehmen, in der Brigittenauer Engerthstraße wird sie sicher fündig:

Verdacht auf Weltgastronomieerbe!

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Kommentare (14)

am 18. August 2014 um 09:28

Helmuth - du musst auch nicht lachen.
Wenn du berechtigte Kritik als Retourkutsche bezeichnest,
dann bist du am falschen Dampfer.
Ich möcht jetzt net scho wieder von vorn anfangen mit erklären...bitte...

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315
75
am 17. August 2014 um 23:36

Danke Helmuth, aber hier geht's und ging's nie um Retourkutschen, sowas hat niemand nötig, dafür verbrauche weder ich noch irgendein anderer der hier vermehrt aktiven Diskutanten Sauerstoff oder Tastendruck.

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315
75
am 3. September 2013 um 20:18

Also offenbar sind da ja mehr Stammuser beim Kopp, als ich dachte. Wenn ich das nächste Mal laut "Restauranttester" rufe, bitte alle die Hand heben. Dann könnten wir so die Plätze tauschen, daß wir alle an einen Tisch kommen. :-))

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58
15
am 3. September 2013 um 16:36

cmling: ja wenn's beim Essengehen noch so richtig menschelt und jedes Detail im Lokal so seine Geschichte erzählt - und das Essen passt - solche Lokalbesuche wiederholt man gern.

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75
am 1. September 2013 um 04:08

Wunderbar, trifft's genau!

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22
am 31. August 2013 um 16:36

Meidlinger12: auf deinen Bericht kann man gespannt sein!

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75
am 24. August 2013 um 01:06

Ja, ja es gibt sie noch, diese Perlen. Ihr werdets nicht glauben, aber ich war noch nie beim Kopp obwohl ichs unbedingt dorthin will. Das nächste mal wenn der Schwiegerpapa da ist, der liebt solche Lokale ist das ein Mußpunkt.
Für einen Meidlinger ist der 20. fast wie das andere Ende der Welt. ;-)

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197
51
am 23. August 2013 um 21:59

Hab mich glänzend unterhalten (obwohl mir als "Zugroasta" das schriftliche Wienerisch etwas fremd ist) :-)

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55
11
am 9. August 2013 um 16:08

woody foodchecker: na wenn, dann musst du den überreichen, danke! :)

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315
75
am 9. August 2013 um 15:41

:oD mit dem Bericht bist du heuer (Wirtshaus)- "Stuhlsitzer-Preis" -verdächtig.
lg woody foodchecker ;o)

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0
27
am 9. August 2013 um 14:12

mutti: genau - "bochane", net "gebackene"! ;-)

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75
am 9. August 2013 um 12:33

Der Kopp war übrigens letztens auch in einer Restaurantsammlung in der News vertreten "Preise wie vor 20 Jahren" hieß das, oder so.

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121
21
muttikochtambesten am 9. August 2013 um 12:11

war erst 1 x beim Kopp, da werden Erinnerungen wach! Bochanes Zanderfilet, bochane Champignons, Erdäpfelsalat runtergespült mit Hopfeneistee (danke für diese Wortschöpfung), es war Feber anschl. Besuch im Volkstheater, gstunken homma wie die Kiatogsbettler, ich denke der Herr Schottenberg (saß zufällig neben uns) hat's gerochen. A Weaner Beisl wie es sein sollte, amarone du hast recht, sowas ist schützenswert!

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muttikochtambes.
Kein Tester
am 9. August 2013 um 11:12

Habe schon auf deinen Bericht gewartet wie ich gestern die Mitteilung bekam "Master vom Kopp verloren".Sehr treffend geschrieben, wie immer.

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388
56
Gasthaus Kopp
Engerthstraße 104
1200 Wien
Speisen
Ambiente
Service
38
29
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