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Speisekammer - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 6. Mai 2013
Experte
amarone1977
315
75
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4Speisen
3Ambiente
3Service
5 Fotos1 Check-In
Gelistet in: Wien - Jo heast'!!

schlitzaugeseiwachsam vs. amarone1977 reloaded.

Die Josefstadt ruft. Hier gibt’s so manch nettes Lokal. Dank Tipp und Reservierung meines wachsamen Lieblings-Wahlwieners auch eine Speisekammer. Der namensgebende, fast wichtigste Raum einer – und auch meiner – Wohnung ist ob der Inhalte vor allem mal von innen als solcher erkennbar.
Aber auch von außen?

Dazu muss ich vorweg noch sagen, dass ich ja als so genannter G’scherter (Definition Stermann & Grissemann: jeder „Wiener und Nichtwiener“) mit so manchen Details der Wiener Seele und Kultur noch immer nicht vertraut bin. Und als ruraler G’scherter und „Jugogermane“ wundere ich mich dann natürlich anfangs über so Besonderheiten wie ein Mezzanin (mezzo = halb, also das Halbgeschoss) im gründerzeitlichen Hotel.

Oder über das Souterrain. Während das Mezzanin aus dem Italienischen kommt (warum weiß gerade amarone sowas nicht?) ist Souterrain französisch und bedeutet „unterirdisch“: das Tiefparterre. Während also die Italiener halbhoch stapeln, stapeln die Franzosen (halb)tief. Sowohl das eine als auch das andere konnte ich bis dato nicht bestätigen, zumindest was die Politiker angeht. Obwohl, beim letzten Möchtegern-Napoleon wäre „Mezzanin" ja vortrefflich gewählt.

Tigergasse 31. Gleich von der Josefstädter Straße rechts rein – und prompt dran vorbeigegangen.
Ja wo ist die denn, die Speisekammer. Zwei Lokale, aber keines davon kann es sein.
Mein wachsamer Gastgeber hilft mir dank meines hilfesuchenden Anrufs auf die Sprünge und kommt aus dem Lokal raus. Und tatsächlich: das Lokal ist im besagten Souterrain – und man stapelt tatsächlich tief: keine Werbung, keine Aufschrift, kein Menü am Eingang.

Die paar Stufen führen in einen äußerst schlicht gehaltenen Raum, der wirklich nur das Wesentlichste bietet. Einfachste Tische mit allerdings robuster Eichenholzplatte, sogar die Schank wirkt irgendwie selbst gezimmert – vielleicht ist sie’s ja.

Die männlich dominierte Mannschaft ist total relaxed, Stress kennt hier – Gott sei Dank – niemand.
Man serviert offensichtlich ohne irgendwelche Preise für Serviertechnik gewonnen zu haben. Alles deutet irgendwie darauf hin – „das ist unser Lokal“ – „so wie wir uns das vorstellen“.
Was ich aber zuerst nicht wusste: der Koch kocht nicht nur – er serviert auch. Nicht alltäglich.

Menü: ein Blatt Papier. 3-, 4- oder 7gängig. Hallo! Der Preis ist heiß. Spargel hier, Fisch dort. Alternativ ein Fleischmenü. Für jeden was dabei.

Die Küche grüßt – allerdings an mir vorbei.
Spargelsalat. Spargel ist schon ein Problem, löst auch interessante allergische Reaktionen aus – ich werde gerne rot, aber nur im Beisein einer Frau. Also kein Spargel, Alternative wird mir allerdings keine geboten. Wie’s geschmeckt hat, kann also in schlitzaugeseichwachsam’s Bericht nachgelesen werden.

Vorspeise: hier wird’s dann endlich so interessant, wie’s auf der Karte beschrieben war. Denn das Lokal ist zwar im Souterrain in aller Bescheidenheit eingerichtet, aber unterirdisch ist es deswegen nicht.
Zwar rührt der heikle Gaumen die Tomaten nicht an, doch die Kombination von Zwiebel, cremig-fein abgemacht und ebenso abgeschmeckt, und einem butterzarten Lachsfilet ist dann doch sehr überzeugend.

Die Suppe: eine Karfiolsuppe, mit Kürbiskernöl garniert. Hier muss ich meinem Vorredner klar widersprechen. Die Suppe ist keineswegs dünn, wenn auch nicht verdächtig eingedickt. Mäßig gesalzen, mit dem nötigen Aroma der Kohlfamilie ausgestattet. Etwas zum endlich mal daheim nachkochen.
Sehr gut.

Hauptgang: ein Kalbsbackerl dort, ein Zander hier. Mein Entwicklungshelfer in Sachen fernöstlicher und fernwestlicher Gastronomie schwärmt vom ersten Bissen an von seinem Kalbsbackerl. Es ist ja wirklich eine Augenweide – und eine solche auch für den Gaumen. Butterzart, mit dem nötigen „Gelee“ durchzogen und nicht wie so oft mit „trockener Kruste“. Perfekter Salzgrad, für Geschmortes ebenfalls nicht selbstverständlich.

Fast will ich ihn schon um sein Festmahl beneiden, doch auch der Zander zeigt, was er kann.
Wer kennt das nicht: Zanderfilet mit Erdäpfel und Salat. Meistens bekommt man in der Gastronomie einen bemitleidenswerten Fisch, der sich in der Pfanne aufbiegt wie viel zu kleine orthopädische Einlagen.
Keine Rede davon hier: das Filet lässt sich – ganz leger – mit der Gabel essen, Stück für Stück. Frische Grundware, einfach und gekonnt umgesetzt.
Subtil: die feinen Brösel. Der Fisch ist nicht fett in der Butter paniert, sondern schon „eingebröselt“ worden.
Mit von der Partie: Püree, aber nicht von der Instantfraktion. Dazu ein grünes Duett, kleine Hülsen (nein, nicht aus Ottakring) und ein paar ausgelöste Erbslein.

Emulgator(en): ein biologischer Sauvignon aus der Südsteiermark, sehr angenehm zu trinken. Endlich mal kein „verpolzter“, krankhaft nach Holunder riechender Zahnsteinentferner. Ebenso eine feine Sache: der grundehrliche Blaufränker aus dem Südburgenland. Winzer? Keine Ahnung – aber allemal besser als Carnuntum und Mittelburgenland zusammen.

Dessert: eine dünne, zarte Palatschinke, Schoko und (kandiert-geröstete) Haselnuss – und eine Art Topfencreme. Ganz gut, wenn auch sicher nicht unterirdisch. Sagen mir mal „mezzanin“.
Zum Nachgießen: Espresso (fein, mild, aber ein bisschen dünn geraten) und der fast schon obligate hochprozentige ammazzacaffè.

Fazit: ich betrachte das Lokal mal als Projekt. In meiner Branche wäre dieses, sich ganz auf die erfolgreiche Mundpropaganda verlassende Lokal nicht zu retten.
Doch wir sind hier in Wien – und in der bürgerlich-belesenen Josefstadt. Auch hier – oder gerade hier – spricht sich das wohl schnell herum.
Und so passt ein solches Projekt – bei dem was geboten wird – wiederum perfekt in den 8. Bezirk. Frische Produkte, einfach und unprätentiös vorgetragen.
So findet man sich wieder auf Augenhöhe mit Lokalen wie etwa dem Hohensinn, auch wenn dort ganz anders gekocht wird als in der Speisekammer.

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Kommentare (3)

am 6. Mai 2013 um 14:51

magica: tja, man lernt nie aus, danke!

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Experte
315
75
am 6. Mai 2013 um 14:48

Das mit den Geschoßen ist leicht erklärt:
Ganz früher wurde ja nur ebenerdig gebaut. Irgendwann wollten sie aber "höher hinaus" bauen. Für einen 1. Stock wäre eine Art "Stocksteuer" angefallen.
Blöd waren die damals aber nicht ... sie bauten also auf das Erdgeschoß keinen 1. Stock sondern Halbstock bzw. Mezzanin ... und das ohne zusätzliche Kosten.

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Experte
63
50
am 6. Mai 2013 um 14:14

Das Ergebnis ist konsistent ;-)

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89
34
Speisekammer
Tigergasse 31
1080 Wien
Speisen
Ambiente
Service
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3 Bewertungen
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