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Wirtshaus Steirereck - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 15. Mai 2012
Experte
amarone1977
315
75
30
5Speisen
5Ambiente
5Service

10.5.: Prächtiges Wetter, grüne Wiesen, weidende Schafe – und ein Grüppchen alter Bauernhäuser und Hütten, die auf das beginnende 17. Jahrhundert zurückgehen. Man fühlt sich wie in Roseggers Waldheimat.

Ich komm rein in die Stube, Berge von (vollen) Weinflaschen empfangen mich. Es ist noch nicht ganz voll, aber bester Betrieb. Reitbauers sind alles andere als gestresst, reger Betrieb, aber keine Hektik. Frau Reitbauer telefoniert gerade mit einem weiteren Gast, der sich telefonisch hinten anstellen will. Ja leider, der Juli sei komplett ausreserviert.
Dies sollte ich auch später zu hören bekommen, da ich Interesse bekundete, in den nächsten Monaten mal zu zweit hier die eine oder andere Nacht samt kulinarischem Overkill verbringen zu wollen. Die Warteliste ist lang, ich möge mich, so sehr’s ihr „laad tuat“, bereits für 2013 eintragen lassen. Das sagt doch alles.

Das Innenleben des in mehrere Stuben aufgeteilten Lokales ist schlichtweg traumhaft. Neben dem Wein und landwirtschaftlichen Klimbim kommt hier nie das Gefühl auf, dass man hier alles mit Kitsch und Pseudo vollklatschen wollte. Die alten Querstreben der Decke machen ordentlich Eindruck und vermitteln heimeliges Gefühl, anno 1616, wie’s über der Eingangstür steht. Der alte Ofen mitten in der Stube gehört natürlich dazu.
Trotz der zumeist vollen Hütte bleibt’s ruhig und atmosphärisch, vor allem in den kleineren Stuben.
Mein Platz ist ein Zweiertisch in der Ecke, zwei Pölster, die nicht vom Lutz sind, nehmen neben mir „Platz“ wie zwei Nierenkissen. Sehr wohlig, sehr bequem. Die gestickte Tischdecke setzt sich in der gestickten Serviette fort.
Es kann losgehen.

Darf’s ein Aperitiv sein? Gern. Weil ich weder für Prosecco noch für südsteirische Säureungeheuer zu haben bin, wird’s ein Hopfencornetto: ein Hausbier, hauseigen liebevoll „steirisch irish“ genannt. Ein süffiges, cremiges Blondes mit einem Schuss Dunklem in den Schaum hinein. Das ganze sieht aus wie ein kleines Gewitter, das Schwarzbier sammelt sich unter dem Schaum. Ein bestens gezapftes Bier, da kommt Freude auf.

Ein kleiner Gruß: der tief ins Mark geselchte Speck macht Darmkrebsrisikopatienten keine Ehre, ist aber sündhaft gut – und extrem zart. Er ist zusammen mit a bissl Butter und dem Bauernbrot, das auch wirklich eines ist, eine himmlische Kombination.
Aber ich weiß, was nachher kommt. Also mache ich für mich eine Ausnahme – und bitte darum, das gute Stück doch für mich einzupacken. Das körbchenförmige Alupackerl kommt sogleich.

Die Suppe: beim ersten Besuch wollte ich vor allem mal die Klassiker austesten, die schon mal einen Aufschluss darüber geben sollen, wie hier gearbeitet wird. Ein gebackener und ein gekochter Leberknödel finden sich in der guten Brühe. Viel Schnittlauch, frisch natürlich von den Gärten rund ums Haus.
Der gekochte Knödel gehört zum Besten, was ich bis dato bekommen habe. Wie „daham“ – zart, würzig aber fernab von den Gasthausknödeln, die ich sonst kannte.
Der gebackene Knödel ist immer noch ein Leberknödel, aber kein Lederknödel – will heißen: die Haut durchs Backen ist hauchdünn. Genau so!

Es ist Zeit, das Thema Wein anzusprechen: das Steirereck bietet die seltene Möglichkeit, die glasweise ausgeschenkten Weine nicht nur als Achtel zu bestellen, sondern auch als Sechzehntel. Zum exakt halben Preis, das ist schon sehr fair. Die Achtelpreise sind dabei alles andere als völlig von der Rolle.
Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen: vier Sechzehntel sind es dann, die in feinen Gläsern sogleich am Tisch stehen:
ein Zweigelt vom Polz. Rot und Südsteiermark ist möglich, aber selten auch wirklich überzeugend. Nachbar Tement liefert ja mit seinem Pinot noir ein gutes Beispiel für einen gelungenen Roten.
Die Polz-Brüder liefern ein samtenes Weinchen, das allerdings relativ rasch an der Luft abbaut.
St. Laurent aus dem Südburgenland. Wallner. Einer von den back-to-the-roots-Weinen, schön mineralisch, Säure und Frucht hier wie dort, ein einfacher Wein eben, schön zu trinken.
Pinot noir vom Schloss Halbturn: schöne Farbe, baut sich mit der Zeit auf, typischer Burgundertoast. Gut gemacht.
Cuvée Clausenberg von Rosi Schuster: sehr konzentriert und dunkel, mag aber in der Länge nicht so ganz zu überzeugen, das Pappige der konzentrierten Frucht bleibt aber erhalten. Schade.
Grundsätzlich sehr gute Weine, aber der erste und der letzte haben am Ende noch was im Glas.
Wasser: kommt in einer eigens dafür vorgesehen Bügelflasche. Niemand fragt drum, niemand motschkert Gäste um eine Verrechnung an. So geht das!

Ein gebackenes Kalbsschnitzel mit Petersilerdäpfel: schöne, gleichmäßige Farbe, fein knusprig und zart. Ich würde zwar das Fleisch nicht klopfen, aber es hat nichts von der Zartheit verloren. Zwar nicht das ganz originale Pfannenschnitzel, aber sehr sanft gebacken. Sehr gut!
Die Kartoffeln sind in ordentlich Butter geschwenkt. Sehr kernige Kartoffeln, die aber nicht zu wenig gekocht wurden, aber anscheinend sehr festkochend sind.

Die Nachspeisenkarte: eine gewaltige Auswahl an Käse. Chef Reitbauer scheint ein Fanatiker in puncto Käse zu sein, die Auswahl ist schier unglaublich.
Ich entdecke aber etwas, das ich fast nicht für möglich gehalten habe.
Ich war als Kind mit meinen Eltern und Großeltern mehrmals im nahe gelegenen Hochschwabgebiet. Einmal waren wir sogar mehrere Nächte in einer Sennerhütte untergebracht. Die Sennerin bereitete damals eine Süßspeise zu, die ich nirgendwo anders bekommen habe, weder davor noch danach.
Viel Rahm, Ei, Mehl, Gewürznelken, Zucker. Die Masse wird langsam gekocht, sodann zu Knödeln geformt. Nach einem halben Tag im Kühlschrank wird der Knödel wie Kren aufgerieben und mit Zimt und Zucker serviert.
Ich traute also meinen Augen nicht – und musste das natürlich bestellen, obschon der Magen längst voll war und ein Fedelkoch nicht gerade zu den leicht verdaulichen Nachspeisen gehört. Ein Teller wurde damals für 8 Personen mitten auf den Tisch gestellt – und nicht aufgegessen.
So war’s auch diesmal, ich schaffte ein paar Löffel und nichts ging mehr. Aber ich war zufrieden.

Kaffee: bei all der hier wahrlich gelebten Regionalität bekomme ich einen San Cristobal von den Galapagos-Inseln. Chef Reitbauer lässt es sich nicht nehmen, mein Interesse für Kaffee gleich mal mit seinen Ausführungen darüber zu nähren.
Das Ergebnis wird serviert: eine wunderbar schokoladige Crema, ein dichtes, feines Schäumchen, selten so bekommen. Der Kaffee ist sehr aromatisch, vollmundig aber mild.
Hier stimmt alles: Röstung, Mahlung, Wasser, Wassertemperatur. Also auch das wird hier bestens beherrscht, ich schmecke und staune.

Da ich aber noch nach St. Lorenzen runterrollen muss, verzichte ich auf einen großen Digestiv. Reitbauer lässt es sich aber nicht nehmen, mir zumindest einen Fingerhut voll von seinem Hausgebrannten zu servieren. Birne, mmm!

Kurz noch ein Wort zum Service: wie schon erwähnt ist hier immer was los, manchmal kriegt man keinen Platz, Reservieren für mehr als zwei Personen wird für die nächsten Wochen sehr schwierig. Trotzdem ist hier niemand hektisch. Klar, Reitbauers verlangen alles vom Service ab. Aber die jungen Damen bzw. die jungen Herren sind sehr gut geschult und bleiben stets Frau/Herr der Lage und sind so ganz nebenbei allesamt ganz anmutige Geschöpfe , vor allem die weiblichen ;-)

Fazit: angesichts dieser Vorstellung gibt’s die Höchstnoten. Dabei hatte ich beim ersten Besuch praktisch „nur“ die Basics bestellt, Süppchen, Schnitzel, Wein, Nachspeise. Kaffee. Man darf also schon jetzt auf den nächsten Besuch sehr, sehr gespannt sein.
Service sehr angenehm, entspannt und flott zugleich. Lässt einen in Ruhe, wenn’s sein muss, ist da, wenn nötig. Kompetent, wenn’s drauf ankommt. Chef Reitbauer erkundigt sich zwischendurch mal, ob alles zur Zufriedenheit ist und glänzt mit Fachwissen.
Die Preise sind erstaunlich fair: 17,50 für’s Kalbschnitzel zahlt man fast überall, nur nicht überall gibt’s diese Qualität. Gut 45 Euro für alles zusammen erschüttern mich nicht, im Gegenteil.

Eine echte Empfehlung, sehr erinnerungswürdig. Hoffentlich bald wieder.

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Kommentare (6)

am 18. September 2012 um 00:10

Unreg: nein, mir schmeckt das Leben.
Ist dir langweilig?

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Experte
315
75
Unregistered am 17. September 2012 um 23:27

amarone1977: ist Dir langweilig?

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Unregistered
Kein Tester
am 16. Mai 2012 um 14:20

babsi bubafantastisch: habe keine Ziegen gesehen, aber die Schafe, die irgendwann auch auf Reitbauers Herd landen, rennen wirklich gleich nebenan auf der Wiese rum.

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Experte
315
75
am 16. Mai 2012 um 12:36

Hat mich total zurückversetzt an meine ersten Besuch am Poguaasch …
War mir damals nicht sicher, ob die neben dem Parkplatz auf dem Tisch stehenden Ziegen echt sind, oder …
Danke !

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Experte
283
71
am 16. Mai 2012 um 09:10

Renata: Vielen, vielen Dank!
Magic: Jo, Fedelkoch wird auch als Rahmkoch bezeichnet.

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Experte
315
75
am 15. Mai 2012 um 20:48

Der von dir genannte Fedelkoch - entspricht der in etwa dem Rahmkoch?
Den kenn ich nämlich leider auch nur aus meiner Kindheit. Kriegst ja nirgendwo in Wien.

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Wirtshaus Steirereck
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