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Kreuzwirt - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 15. April 2012
Experte
amarone1977
315
75
30
5Speisen
4Ambiente
4Service

Wenn die kulturelle Sonne in der Provinz - noch dazu an einem Sonntag - allzu tief steht, dann ist guter Rat teuer: was tun für einen lieben Freund und Kollegen, der mich in der alten Heimat besucht und gerade mal ein paar Stunden Zeit hat?
Nicht einmal das Wetter erlaubt einen Hupfer auf die Almhütte, also heißt’s Improvisieren.

Also schnell mal über die Weinebene, ab in die Südsteiermark. Selbst wenn das Wetter nicht gerade blendend ist, ist so mancher Kellerbesuch nie ein Fehler, denn: im Keller regnet’s selten! Höchstens mal die edlen Tropfen, die nicht die Regenrinne, dafür aber wie Öl die Kehle runterlaufen!

Als wir aber beim „Kreuzwirt“ eincheckten, wussten wir noch gar nicht, dass sich der Besuch in den Kellern danach gar nicht erst ausgehen sollte… denn was dann kam, war – selten aber doch – großes Kino.

Das Menükonzept des Hauses sind zwei mehrgängige Menüs, deren einzelne Gänge in jeweils zumindest zwei Teilen daherkommen. Das Ergebnis ist ein endloses Schaulaufen einer großartigen Küche.

Man wird, nach dem die Jacken abgenommen wurden, in den rechteckigen, großzügig verglasten Speiseraum geführt, wie eine große Terrasse mit Blick auf Wein und Wiese…
Sehr bequeme, stoffige Stühle und Bänke, vielleicht ein bisschen zu schlicht und modern, aber man fühlt sich wie mitten in den Weinbergen.

Das Service besteht aus einem sehr korrekten und dementsprechend geschulten Ober, der von drei jungen Damen flankiert wird, die den bei ihm ein bisschen vermissten Charme und Esprit versprühen.
Was das flotte Serviceteam dann auftischt, habe ich jetzt gar nicht mehr auswendig im Kopf. Im muss mich mithilfe der Bilder regelrecht zurückerinnern, so viele große und kleine Dinge kamen daher.

Die Präsentation der Köstlichkeiten kam natürlich nicht zu kurz, blieb aber im vernünftigen Rahmen und lässt sich nie zu übertriebenen Arrangements hinreißen, die eventuelle Schwächen der Küche übertünchen könnten.

Allein die „Eingangsphase“ mit Gedeck und Gruß aus der Küche machte den Besuch schon zu einem lohnenden: was war denn da alles am Tisch? Zu allererst war da mal ein vortrefflicher Appetitanreger: eisiger Bellini, mit einem Kugerl fruchtigem Eis drauf, am Glasboden fand sich ebenfalls geeistes Fruchtiges: war’s Quitte, war’s Birne? So ganz hab ich’s nicht erschmeckt, aber es war schon mal eine intelligente Kombi, die nicht nur schick aussah, sondern auch gut zusammen passte.

Was noch: nach einem Aperitiv, Chardonnay-Sekt vom Polz bzw. einem exzellenten Gelben Muskateller vom Weingut Ober-Guess, kamen hausgemachter Zwieback mit Kürbiskernen, schön pikante Knabberkerne vom Ölkürbis, Brioche-Stückchen, in Kakaobutter angeröstet (ka Schmäh!), wunderbare mit süß-saurem Kraut gefüllte Teigtascherln, fein aufgeschnittene, rustikale Wurst.

Hausgemachtes Brot, das wie rechteckige Muffins in kleinen Gefäßen gebacken worden war, in mehreren Varianten. Punktgenaue Backzeit, cross außen, innen schön weich, duftig, von Backmitteln keine Spur. Etwas zu stark gesalzene Butter, mit Blümchen dekoriert und einem kleinem Kernöl-Badewandl flankiert.

Nein, es ist noch nicht Schluss mit Grüßen, doch Küchenchef Fuchs ist wahrlich kein Grüßaugust: raffinierte Bärlauchtascherl, zart außen, innen cremig-würzig, gerade richtig, mit feinem Tomatenpesto, dazu ein kleiner Salat mit Kernöl, etwas zu banalem Lardo, einem (hausgemachten) Brotcracker und zumindest zwei verschiedenen Wiesenkräutern, die ein weiteres Ausrufezeichen sind: hier weiß endlich wieder mal jemand Bescheid, wie man gekonnt das verarbeitet, was andere nicht einmal als Unkraut zu schätzen wissen.

Was jetzt schon ein ganzer Bericht hätte sein können, war gerade mal die Einleitung.

Wir kommen nun zum eigentlichen Beginn – dem ersten Gang. Und selbst dieser ist zweiteilig.
Es kommt eine geeiste Erbsencreme mit Minze und Saiblingstatar, Saiblingskaviar und karamellisierten Knuspergrammeln.

Die Grammeln hätte ich persönlich nicht karamellisiert, sondern so belassen, wie sie sind, wäre vom „Beißerlebnis“ besser gewesen. Aber: ein Saiblingstatar, so edel, dass mich das glatt an die für mich so legendäre Piemonteser Battuta del Fassone, also gehacktem, rohem Kalbfleisch, erinnert.
Über den Kaviar kann man streiten, ich gehöre nicht unbedingt zu denen, die alles haben müssen, was öffentliche Wortführer als Delikatesse bezeichnen.
Der zweite Teil vom ersten Gang: lauwarmer Saibling mit Erbsen und Erbsenpüree, Morcheln, gehobelter Gänseleber, Morchel-Nuss-Emulsion, wilde Kresse.

Wieder darf ein geschickt eingesetztes Wildgemüse den verdienten Rahmen bilden: der Saibling lässt keine Wünsche offen, die Erbsen und die Bio-Gänseleber (keine Stopfleber) zergehen wirklich auf der Zunge. Einzig die Morcheln könnten ein bisschen weniger Salz vertragen. Aber gut, die kleinen Kritikpunkte muss man aber auch wirklich sehr genau suchen…

Der Hauptakt: St. Johann-Freilandschwein & Röhrlsalat. Der Akt – wieder in zwei Teilen.
Ein gepökeltes Züngerl (bissi intensiv, aber sehr zart), ein kleiner Grammelknödel (sensationell) und ein zartes Stück vom Brüstl, zusammen mit knusprigen Erdäpfel-Würferl und zuvor erwähntem Löwenzahn.

Zweiter Teil: ein Kotelett vom Johann-Schweinderl mit eingemachtem Röhrlsalat und kleinen, ungeschälten Kartoffeln.
Schön rosa gebraten, unendlich zart, fast möchte man glauben, das Viecherl wurde totgestreichelt.

Der Schlussakt – wieder in zwei Teilen, widmet sich der Birne und der Zotter-Schokolade. Eine Variation.
Zuerst kommt ein Triplett aus Armem Ritter (flaumig-knusprig außen, raffiniert weich und warm innen), einer Birnen-Schokolademarmelade (interessante Kombi) und einer genialen, geeisten Schokoladenkombination in der Tasse: weiß oben, dunkel unten, abgeschmeckt mit Birnenbrand. Woaahh…

Sodann: Schokoladenbuchteln, eingelegte Birnen & Vanille, Schoko-Birnensorbet mit Vanilleschneenockerl.
Die Buchteln sind kaum zu schlagen, einzig die Nockerl waren mir ein bisschen zu „zäh“, wenn man das so sagen kann.

Und weil dem immer noch nicht genug ist, kommen noch süße Grüße: ein mit Vanille veredelter, sahniger Likör (gut gemacht, aber nicht meine Geschmacksrichtung), guter Espresso und – zarte, gebackene Mäuschen mit Tunkschokolade.

Vorhang zu.

Weine: nicht zufällig forciert das Haus Polz die eigenen Weine, aber es sind die Güter Ober-Guess, Tauss, Werlitsch und Sepp Muster, die für uns die Hauptrolle spielen.
Der gute, nicht eindimensional steirische Gelbe Muskateller war ein guter Beginn, der Blaufränker aus der Region ist naturgemäß ein viel kühlerer, aber umso interessanterer und würziger Zeitgenosse.
Schön zu beobachten, dass immer mehr das Potenzial für Rotweine mit Burgundercharakter in der Südsteiermark beste Ergebnisse liefern.

Der Hammer aber waren der elegant-wuchtige Sgaminegg 2007 von Muster (Sauvignon blanc, Chardonnay) und der süße, an ätherisches Öl erinnerende Ex Vero 2005 von Werlitsch (Sepp Musters Schwager).

Allesamt Produzenten so zu sagen vom gegenüberliegenden Hügel, zumindest drei davon arbeiten biodynamisch und haben auch schon meinen eigenen Weinkeller bereichert ;-)
Nicht zu vergessen natürlich die Präsentation: bestens temperiert, kein gerade eben geöffneter Wein, die riesigen Zalto-Kelche sind nicht nur sündhaft teure Weingläser, sondern vor allem die beste Art, besten Wein zu adeln.

Preise: gehoben, gar keine Frage, aber bei dieser Vorführung gibt’s kaum was zu jammern. Grundsätzlich lohnt sich im Hause Polz das „Setangebot“, einzelne Gänge haben ihren Preis, einzelne Achteln Wein ebenso.
Wer also nicht mehr mit dem Auto fahren will oder muss, für den lohnt sich die Übernachtung in den hauseigenen Zimmern, je nach Geschmack mit Wellness, Gratis-Moped oder Fahrrad, Weinkursen, Langschläferfrühstück, mehrgängigem Abendessen, Kochkursen, Golf, und und und.
So kam unser „kleineres“ Menü auf 54 Euro, mit Gedeck, Wein und Kaffee kam man auf gut 80 Euro pro Person.

Zusammenfassung: sehr hohes Küchenniveau mit dem nötigen Verständnis für Zutaten und Geschmackskombinationen, großartiger Einsatz von besten Zutaten und Kräutern, die gleich hinterm Haus wachsen.
Bestmögliche Wein“bereitung“ und das Wissen für Produzenten, die weit entfernt sind von kommerziellen Großproduzenten.
Diese Kombination kratzt hart am Thron der besten Restaurants in diesem Lande und wird verdientermaßen mit einem meiner „Absoluten Highlights“ gekrönt.

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Kommentare (1)

am 15. April 2012 um 20:39

H-G-L, was sonst!!?? Gerry

Gefällt mir1
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Kreuzwirt
Pössnitz 168a
8463 LEUTSCHACH
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