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Haas Beisl - Bewertung

Diese Bewertung wurde von anderen Testern empfohlen.
am 20. März 2012
Experte
Gastronaut
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45
29
4Speisen
4Ambiente
4Service

Das Haas Beisl wurde bereits 1935 eröffnet und wahrscheinlich niemals renoviert. Zumindest wird dieser Eindruck erweckt, wenn man das kleine Lokal in der Margaretenstrasse zum ersten Mal betritt! Und beim Betreten macht der Gast eine wunderbare Erfahrung: Die Kombination aus Stimmengewirr, Zigarettenrauch, Gerüchen nach Fleisch, Bier, Wein und Frittierfett sind alles andere als unangenehm, sondern sorgen unter vielen Wiener für spontanes Entspannen.

Die Karte im Haas Beisl liest sich - abgesehen von den leistbaren Eurobeträgen - auch so, als stamme sie aus einer Zeit, in der man nichts vom Tier weggeworfen, sondern schlicht und einfach verkocht hat! Aber dazu kommen wir gleich..Wir wollten herausfinden, was die Küche des Haas Beisl seit der Neuübernahme durch Spitzenkoch Christian Tischler und Gastronom Gerald Schedl so alles drauf hat! Zunächst probierten wir das Beef Tartare, das zwar grober und dunkler war, als vielen gehobeneren Lokalen, dafür aber auch geschmacklich intensiver und von einer traumhaften Konsistenz in der man am liebsten baden würde! Abgeschmeckt war es auch wunderbar!

Um einem der späteren Höhepunkte näherzukommen, war als nächstes eine Blunzenrolle dran. Im Wesentlichen ist das nichts anderes als eine mit Blutwurst gefüllte Frühlingsrolle auf Rotkraut! Der Teig der Rolle gibt der sonst "letscherten" Blunzn Form und Biss und das Rotkraut rundete das Erlebnis ab! Und dann ging es auch schon ans Eingemachte..sprichwörtlich. Es folgte das "Bruckfleisch", ein mittlerweile sehr seltenes Ragout aus Milz, Niere, Herz und Speiseröhre.
Wir sahen uns mit Blicken an, die eine Emotion irgendwo zwischen "Trau'st di nie" und "Geht sch'o!" lagen. Ich begann mit der Speiseröhre -siehe Foto- und stellte fest, dass die Speiseröhre in etwa jene leicht zähe Konsistenz hat, die ich mir davor vorgestellt hatte! Geschmacklich war sie aber unerwartet gut, genauso wie der Rest vom zarten Bruckfleisch. Mein Gegenüber kostete auch ein wenig zögerlich, inspizierte jeden kleinen Bissen auf seine tatsächliche Essbarkeit und nahm genau so viel von der Speise auf um nachher sagen zu können, dass sie dieses Fleisch tatsächlich gegessen hat! Genau handelt es sich hierbei um ein köstliches Ragout, wobei die Speiseröhre eher nur ein optischer Aufputz ist!

Nachdem wir die Reste der tierischen Speiseröhre mit größeren Mengen Bier und Weisswein (gute Auswahl) aus unseren eigenen Speiseröhren gespült hatten, war ein innereinloser Tafelspitz mit Rösti und Cremespinat ein wunderbarer Balsam auf unserer kulinarischen Seele und auch das salzig saftige Surschnitzel und der auf der Zunge zerschmelzende Zwiebelrostbraten sorgten bei uns für ein inneres Auf- und Abspringen unserer Geschmacksknospen und die Erreichung des Maximalfüllstandes unserer Mägen. Als Nachspeise kam für uns deshalb nur "Obstsalat" aus dem Schnapsglas in Frage, wobei konkret die Birne ein Lebensretter war!

Insgesamt haben wir das Beisl geliebt. Denn auch wenn man zum ersten Mal hier ist, wird man behandelt als wäre man seit 27 Jahren Stammgast! Die Preise sind niedrig, das Niveau der Kücher erstaunlich hoch und die Karte gigantisch groß. Spielraum für Abenteuer, die die "gute alte Wiener Küche" gerne genauer entdecken wollen...
Ich komme bestimmt wieder, und vielleicht werde ich auch wieder das "Bruckfleisch" essen. Aber diesmal vielleicht ohne Speiseröhre.....

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Kommentare (7)

am 28. März 2012 um 22:49

Ich widerspreche hier nur ungern, aber das Bruckfleisch wird bereits 1858 von Katharina Prato in "Die süddeutsche Küche" erwähnt.

Ich hab' das Buch zu Hause...

Gerry

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Experte
215
47
am 28. März 2012 um 11:57

Der Name Bruckfleisch wurde von dem Begriff Schlachtbrücke abgeleitet, denn im Originalrezept (Rokitanky 1897 "Die österreichische Küche") wird es aus noch lebenswarmen Kronfleisch, Leber, Herz samt Lichteln (Halsschlagader), Lunge, Rindsbries und frischem Blut hergestellt. Natürlich ist eine Anpassung an die heutigen Möglichkeiten notwendig und Variation in der Rezeptur erlaubt. Sie geben Ihren Berichten viele Bilder bei, doch meistens kann man nichts Genaues erkennen. Speiseröhre ist eher unwahrscheinlich, es dürfte sich, wie es das Rezept vorsieht, um die Aorta des Rindes handeln die einen Durchmesser von bis zu 40 mm hat.

Gefällt mir1
39
7
am 23. März 2012 um 14:36

Toni: Du hast die Möglichkeit, dich anzumelden und den Kommentar als Bericht nochmal reinzustellen. Da haben alle mehr davon.

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Experte
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75
toni.kritisch am 23. März 2012 um 13:46

Herbert Hacker über das „Haas Beisl“ in Wien-Margareten
Viel wienerischer kann ein Beisl kaum sein

Im Haas Beisl gibt es Wiener Traditionsküche. Die hohe Kunst der Innereien wird auch beherrscht.

Das Haas Beisl in der Margaretenstraße ist das, was man gemeinhin ein gestandenes Wirtshaus nennt. Es existiert seit 1899 und ist seit 1935 im Familienbesitz. Der ehemalige Wirt Georg Haas hat es nun im Jänner an Christian Tischler und Gerald Schedl übergeben. Tischler hat mit guten Beiseln bereits Erfahrung, er kochte ganz in der Nähe im Schwarzen Adler. Und das mit großem Erfolg.

Viel wienerischer kann ein Beisl kaum sein. Die Einrichtung ist düster, die Lampen mit Tierhaut-Imitat schaffen eine fast museale Atmosphäre, ein echtes Ur-Beisl in vielerlei Hinsicht.

Was hier aber besonders angenehm auffällt, ist die Art der Küche von Küchenchefin Brigitte Rohrer: wienerisch bis zum letzten Knödel. Das Beuschel ist hinreißend, das Schnitzel besser als in so manch hoch gelobten Häusern. Besonders verdienstvoll aber die Innereiengerichte. Ein Kalbsbries auf Pariser Art wird man in ganz Wien kaum noch finden, hier ist es aber auch noch wirklich gut. Ansonsten: Hirn mit Ei, Nierndln, Leber, also alles, was ein Innereien-Herz so begehrt.

Der überaus freundliche Kellner, der ebenfalls neu im Team ist, erzählt voller Stolz, hier werde noch so gekocht, wie er es von seiner Mutter gewohnt ist. Was an geschlachteten Tieren ins Haus kommt, wird zur Gänze verarbeitet, eine Methode, für die gefeierte Starköche in London mit Michelin-Sternen belohnt werden. Hier aber ist das alles ganz „normal“. Es ist schon beruhigend, dass es solche Lokalitäten überhaupt noch gibt. Wenn dann auch noch gut und mit Herzblut gekocht wird, ist das ein Segen.

Die Portionen sind übrigens alles andere als klein – zu Preisen, die man kaum für möglich hält. Wer zum Schluss noch Platz für eine Cremeschnitte hat, sollte zuschlagen. Ob er sich dann noch bewegen kann, ist allerdings eine andere Frage.
Ziemlich zeitgleich muß der Besuch von Herrn Hacker vom Format ausgefallen sein !!
Freu mich daß in Wien wieder mehr Rücksicht genommen wird auf traditionelle Küche und doch noch ein paar wenige wissen wie es geht !!
Wir sehen uns im Haasbeisl !! Freu mich schon auf die Innereien dort !!

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toni.kritisch
Kein Tester
am 20. März 2012 um 18:25

Lieber Speiseröhre als Harnröhre!

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Experte
152
83
am 20. März 2012 um 16:28

Endlich ein ordentlicher Bericht aus dem Haas Beisl. Vielen Dank! WoW hier gibts Bruckfleisch. DA hst du Recht, das es das fast nirgends mehr gibt.

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197
51
am 20. März 2012 um 14:51

Spannend! Ein Speise(röhren)lokal.

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Experte
315
75
Haas Beisl
Margaretenstraße 74
1050 Wien
Speisen
Ambiente
Service
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Haas Beisl - Karte
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